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Wolfgang
Abendroth - Fragen an einen politischen Lebensweg
Von
Uli Schöler
Dr.
Uli Schöler, Leiter des Präsidialbüros des Deutschen Bundetages;
Privatdozent im Fach Politikwissenschaft an der Universität Bremen;
letzte Veröff. u.a.: Ein Gespenst verschwand in Europa. Über
Marx und die sozialistische Idee nach dem Scheitern des sowjetischen Staatssozialismus,
Bonn 1999.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Aufsatz aus dem u. a. von
Uli Schöler herausgegebenen Band "Wolfgang Abendroth. Wissenschaftlicher
Politiker. Biobibliografische Beiträge", das 2001 bei Leske
& Budrich erschienen ist. Wir danken dem Verlag für die freundliche
Überlassung.
Was wissen wir von, über Wolfgang Abendroth? Erstaunlicherweise
eine ganze Menge nicht, oder nur bruchstückhaft, was möglicherweise
eine Ursache mit dafür ist, dass es im letzten Jahrzehnt eher still
um ihn geworden ist. Schauen wir genauer hin. Wie ein roter Faden durchzieht
nahezu alle bisherigen biographischen Würdigungen Abendroths die
sicher zutreffende Beobachtung, dass für ihn die Spaltung der deutschen
und internationalen Arbeiterbewegung, wie er sie in der Weimarer Republik,
in der Zeit des Hitlerfaschismus und des Zweiten Weltkrieges erlebte,
zum prägenden biographischen Eindruck wurde. Seitdem habe er sich
- so Frank Deppe - unablässig dafür eingesetzt, "dass die
verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung in der Auseinandersetzung
mit dem Kapitalismus, vor allem in der Auseinandersetzung mit den - vor
allem in Perioden der Wirtschaftskrise verstärkten - Gefahren des
Abbaus der Demokratie und der Sozialstaatlichkeit zusammenwirken."
Gerade dann, wenn man dies - was ich für unbestreitbar erachte
- als eine wesentliche Leitorientierung Abendroths betrachtet, mutet es
um so erstaunlicher an, dass eine ganze Reihe seiner persönlich-politischen
Weichenstellungen immer noch in einer gewissen nebulösen Undeutlichkeit
verblieben ist. Immer wieder fällt in seinen autobiographischen Schilderungen
auf, dass er nur kurz bei der Schilderung eigener Erlebnisse und Aktivitäten
verharrt, um dann doch ausführlicher zur retrospektiven Erklärung
und Einschätzung politischer Konstellationen überzugehen. Die
Person tritt in den Hinter-, das Geschehen in den Vordergrund.
Der frühe Abendroth
Die Hauptkonzentration autobiographischer Schilderungen Abendroths
liegt auf der Darstellung, Erklärung und Würdigung der verschiedenen
Wendungen und Positionswechsel innerhalb der kommunistischen Bewegung
selbst, an der er auf verschiedene Weise beteiligt ist. Ich bin im Rahmen
meiner früheren bibliographischen Arbeit über Abendroth wohl
als erster auf die erstaunliche Tatsache gestoßen, dass er aber
zugleich zu den Sprechern einer anderen Jugendorganisation gehörte
(im übrigen zusammen mit seinem Schwager Ernst Benner), dem "Bund
Freier Sozialistischer Jugend". Zwischen 1926 und 1929 zählte
er zu den aktivsten und interessantesten Autoren in dessen Verbandsorgan
"Freie Sozialistische Jugend". Diese Organisation ist - neben
der Tatsache des Wirkens Abendroths darin - aus wenigstens einem weiteren
Grunde ausgesprochen interessant. Offenbar gelang in diesem Jugendverband
etwas, was sowohl in der Weimarer Republik als auch in späteren Perioden
der deutschen Geschichte eher zu den Ausnahmen gehörte: das Zusammenwirken
von Personen und Gruppen unter einem Dach trotz unterschiedlicher Sozialisation
und politischer Herkunft bzw. ideologischer Orientierung.
1924 wird er mitsamt der anderen Anhänger eines eher "rechten"
Kurses aus seinen Frankfurter Funktionen innerhalb des Kommunistischen
Jugendverbandes abgewählt und ausgeschlossen, wechselt aber in die
Studentengruppe und in die Partei selbst, wo seine Aktionsmöglichkeiten
jedoch wegen der "ultralinken" Politik der Fischer-Maslow-Führung
in der KPD ebenfalls nahezu unmöglich sind. So wurde er zugleich
Mitglied des genannten Bundes, der ursprünglich aus der "Freien
Proletarischen Jugend" hervorgegangen war, die sich als geistiger
Berührungspunkt jugendlicher Arbeiter mit dem "Wandervogel"
verstand, es ablehnte, Parteijugend zu sein und Anfang der zwanziger Jahre
zu ihren Gruppenabenden Vortragsredner aus allen drei Arbeiterparteien
einlud. Ihre Mehrheit beschloss aber 1922, zur (mit der Rest-USPD) Vereinigten
Sozialdemokratischen Partei zurückzukehren. Mitte 1925 schlossen
sich diese Gruppen mit dem aus den "Guttempler-Wehrlogen" hervorgegangenen
und sich zum Sozialismus bekennenden "Orden junger Menschen",
der "Freien Aktivistischen Jugend", der "Wanderscharen
e.V." und den "Landfahrern e.V." zu einem Kartell zusammen,
das 1926 im genannten "Bund Freier Sozialistischer Jugend" aufging.
Er existierte bis zu seinem Verbot im Jahre 1933 mit Gruppen u.a. in Berlin,
Hamburg, Frankfurt, Oehringen, Karlsruhe, Stuttgart und Nürnberg,
zeitweilig mit ca. 12.000 Mitgliedern, deren Mehrzahl sich nicht in den
beiden großen Arbeiterparteien organisieren wollte.
Wenn also von den Wurzeln von Abendroths "Einheitsorientierung"
die Rede ist, dann liegen diese weit weniger in einem rein intellektuellen
Verständnis von einer "Einheit der Arbeiterklasse", die
durch den Beginn des großen Schismas in den Jahren nach 1914 eingeleitet
wird und in der kampflosen Niederlage von SPD und KPD 1933 ihre traurige
Bestätigung fand, sondern weit ausgeprägter in einer bereits
in jungen Jahren eingeübten politischen Praxis über ideologische
und Parteigrenzen hinweg. Sagen wir es in seinen eigenen Worten: "Sozialisationsprozesse
haben ... in allen Phasen der Arbeiterbewegung eine viel größere
Rolle gespielt, als man gemeinhin annimmt." Ich plädiere also
dafür, diese Maxime auch bei der Betrachtung des Abendrothschen Lebensweges
stärker als bislang mit heran zu ziehen.
Den jungen Abendroth zeichnet nun eines bereits besonders aus: Ohne ideologische
Scheuklappen (auch solche, die sich aus der jeweiligen "Generallinie"
seiner eigenen Partei zu dieser Zeit ergaben - die ihn ja auch nicht umsonst
1928 als Rechtsabweichler ausschloss und zur KPO drängte) setzt er
sich mit all den Themen auseinander, die in seinem Umfeld diskutiert werden.
Zum einen fällt auf, dass er sich gleich in mehreren Aufsätzen
und Rezensionen mit Themen und Konzeptionen aus dem Spektrum des "Austromarxismus"
beschäftigte, zwar kritisch, aber in der Tendenz durchaus Impulse
positiv aufnehmend. Dazu mag beigetragen haben, dass er die Möglichkeit
hatte, am vom Österreicher Carl Grünberg neu gegründeten
Frankfurter Institut für Sozialforschung Vorträgen von Otto
Bauer, Friedrich und Max Adler beizuwohnen.
Diese frühe Beschäftigung mit der genannten Theorietradition
der deutschsprachigen Arbeiterbewegung ist mehr als eine zufällige
Begegnung. Sicher, die österreichische Sozialdemokratie des Linzer
Programms erwies sich gegenüber ihrer deutschen Schwesterpartei (aber
auch gegenüber den ideologischen Schwankungen der zeitgenössischen
KPD) als weitaus fruchtbarer. Aber hinzu kam, dass der auf der Basis der
Anerkennung und Tolerierung unterschiedlicher Standpunkte funktionierende
Einheitsgedanke gerade in der österreichischen Sozialdemokratie (also
in diesem Teil des anderen "Lagers") praktisch wie theoretisch
seine produktivste Wirkung entfaltet hatte. So verwundert es nicht, dass
Abendroth zu einem Zeitpunkt, als er sich von der stalinisierten kommunistischen
Bewegung auch organisatorisch abwandte (nach Kriegsende), für seine
politische wie theoretische Arbeit neben den Schriften und Gedanken "Weimarer"
sozialdemokratischer Rechtslehrer wie Heller, Sinzheimer oder Kirchheimer
die demokratietheoretischen Ansätze eines Max Adler und Otto Bauer
fruchtbar zu machen suchte. Diese Spuren wird man in vielen seiner demokratietheoretischen
Schriften der fünfziger Jahre finden.
Der Weg in die SPD
So, wie Abendroths Wirken im "Bund Freier Sozialistischer Jugend"
in der Retrospektive nahezu völlig hinter seine Aktivitäten
im Rahmen der KPD, des KJVD und der KPO zurücktritt, so verhält
es sich ähnlich mit seiner Aktivität im Zusammenhang mit der
Widerstandsorganisation "Neu Beginnen" und deren Verhältnis
zu seinem Wirken in der KPO. Sicher, der Eintritt in die KPO lässt
sich rekonstruieren, dürfte ins Jahr 1929 zu datieren sein (wobei
ja die Schwierigkeit zu beachten ist, dass die KPO nie wirklich Partei
sein wollte, immer noch den Anspruch vertrat, die "eigentliche"
KP zu sein. Dem entspricht es auch, dass Abendroth 1931 ohne Begründung
wieder in die KPD aufgenommen wurde). Aber: Mitgliedsbücher in illegalen
bzw. Tarnorganisationen wie "Neu Beginnen", der zudem Sozialdemokraten,
Kommunisten wie Mitglieder anderer sog. Zwischengruppen der Arbeiterbewegung
angehörten, gab es mit Sicherheit nicht. Abendroth selbst hat sich
jedoch immer als "Mitglied" dieser Gruppe gesehen und - wenn
auch nur sehr kursorisch - seine entsprechenden Aktivitäten beschrieben.
Zugleich beschreibt er in einem unveröffentlichten autobiographischen
Manuskript seine intensive Zusammenarbeit u.a. auch mit der Jugend des
Zentralverbandes der Deutschen Angestellten (ZDA), dem Freidenkerverband
und SAP-Organisationseinheiten, aber auch einzelnen SPD-Leuten, z.B. Georg
Stierle.
Bevor Abendroth allerdings zurückblickend überhaupt beginnt,
etwas über seinen Schritt in diese Organisation hinein mitzuteilen,
bezeichnet er sie als ein ihrem Gesamtkonzept nach "konspiratives
Abenteuer". Die Argumente, die er dafür lieferte, sind verständlich.
Gleichwohl geht auf diesem Wege wiederum etwas verloren, was in der historischen
Forschung durchaus gewürdigt wird: der positive Versuch, von unten
her Wege der Zusammenarbeit von SPD-, KPD- und anderen Kadern in der Illegalität
zu suchen, die aufgrund der verhärteten Positionen der jeweiligen
Parteiführungen von oben her blockiert waren.
Und noch etwas fällt aufgrund der Abendrothschen Retrospektivbetrachtung
aus der Betrachtung heraus: Hatte er seitens der neuen Gruppe einen Auftrag
zur Durchsetzung von deren "neoleninistischen" Organisationsprinzipien
und Zielen in der KPO übernommen, oder verstand er sich als Verbindungsmann
der KPO-Führung um Thalheimer und Brandler, seinen ideologischen
"Ziehvätern", zur "Neu Beginnen"-Führung
um Walter Löwenheim? Mit anderen Worten: Seine konkrete eigene Motivation,
die uns seine jeweiligen politischen Schritte genauer nachvollziehen ließe,
lässt Abendroth wiederum zugunsten einer retrospektiven Reflektion
über Wirkung und Bedeutung der Gruppe selbst im Dunkeln.
Etwas besser steht es um den Erkenntnisstand, wenn wir uns mit einem Schritt
beschäftigen, der in sich einen weit gravierenderen Bruch mit seinem
bisherigen politischen Standort markiert, allerdings sicherlich durch
die Aktivität im Rahmen von "Neu Beginnen" vorbereitet
wird. Abendroth datiert seinen Übertritt bzw. Eintritt in die SPD
auf den Herbst 1946, vollzogen in London, und sicherlich vollzogen unter
dem maßgeblichen Einfluss seines damaligen Freundes Richard Löwenthal,
an dessen programmatischer Schrift "Jenseits des Kapitalismus"
er durch Diskussionsbeiträge einen nicht unerheblichen Anteil hatte.
Immerhin: In diesem Fall teilt uns Abendroth Näheres über seine
Motivationslage mit. Der stalinistische Terror in der Sowjetunion war
stetes Diskussionsthema zwischen den politischen Gefangenen, sei es im
Zuchthaus, sei es im Strafbatallion 999, sei es im Kriegsgefangenenlager
in Südengland, darin eingeschlossen die erbitterte Debatte über
das Für und Wider des sog. Hitler-Stalin-Paktes, die Abendroth auf
der Seite der entschiedenen Gegner dieses Bündnisses findet (eine
Haltung, die er später ändern sollte). Also, summarisch: Der
stalinistische Terror auf der einen verbunden mit der Hoffnung auf der
anderen Seite, die SPD (zu der ja viele Funktionäre der Zwischengruppen
und auch einige der KPD nach Kriegsende stoßen) könne wieder
zu einer "sozialistisch-marxistischen" Partei werden, motivieren
ihn zu seinem Schritt. Der Rest bleibt weiter im Dunkeln. Über die
näheren Umstände, auch über die Rolle Löwenthals,
erfahren wir nichts.
Aber so viel ist sicher: Ein derartiger Schritt dürfte Abendroth
nicht leicht gefallen sein, bedeutete er doch den bislang schwerwiegendsten
politischen Wechsel seines Lebens. Sicher: Er setzte - wie er 1976 darlegt
- auf eine alle Besatzungszonen umfassende Einheitspartei, d.h. ein anderes
Konzept als das, welches die KPD mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht
mit mehr als sanftem Zwang in der sowjetischen Zone durchsetzte. Schließlich
trat er ja - obwohl dort lebend - der SED nicht bei. Aber selbst wenn
er sich für die 20er Jahre "stärker luxemburgianisch als
leninistisch orientiert" bezeichnet, hatte sich bis dahin seine gesamte
politische Tätigkeit - selbst wenn sie in Richtung auf andere Gruppen
offener war als die seiner Partei - im kommunistischen Organisationsrahmen
bewegt. An dem "Grundgedanken der Oktoberrevolution" und am
Vorbildcharakter Lenins hielt er schließlich - bei nur gelegentlicher
Kritik an dessen Politik - auch später immer fest.
Für diesen Zeitabschnitt stellt sich die Frage nach den konkreten
Bedingungen der Arbeit eines durch und durch politischen Menschen in der
Sowjetischen Besatzungszone, der der SPD nach der in der SBZ vollzogenen
"Zwangsvereinigung" von SPD und KPD zur SED beigetreten war
und angehörte. Hatte er Kontakt zu westlichen, westberliner Sozialdemokraten?
Wie sah eine solche Zusammenarbeit aus? Es ist mit Blick auf die Gesamtentwicklung
Abendroths undenkbar, dass er in diesen Jahren politisch "abstinent"
geblieben sein soll.
Der Weg aus der SPD
Die Geschichte seines 15 Jahre später erfolgenden Ausschlusses aus
der SPD ist - von anderen wie von ihm selbst - vielfach beschrieben worden.
Die SPD war den zunehmenden Radikalismus ihres Studentenverbandes SDS
satt und stellte auch den Fördererkreis, dessen Vorsitzender Abendroth
zeitweilig war und dem ein gewichtiger Teil der bundesrepublikanischen
linken Intelligenz angehörte, vor die Alternative, diesen solidarischen
Schutz aufzugeben oder aus der SPD ausgeschlossen zu werden. Es erstaunt
angesichts der Abendrothschen Prioritätensetzung für die Arbeiter-
und Gewerkschaftsbewegung nur auf den ersten Blick, dass er seinen parteipolitischen
Aktionsrahmen wegen der Auseinandersetzung um einen Studentenverband aufgab.
Man dürfte nicht zu weit gehen, wenn man darauf verweist, dass sich
seine eigenen positiven Sozialisationserfahrungen eben auch auf linke
Studentengruppen als Keimzellen breiterer revolutionärer Aktivitäten
bezogen. Im Frankfurt und Berlin der späten zwanziger Jahre bildeten
sich - wie er beschreibt unter seiner aktiven Beteiligung - "zum
ersten Mal in der deutschen Geschichte breite sozialistische - für
ihr Bewusstsein sozialistische - revolutionäre Studentenorganisationen".
Aufgrund dieses Hintergrundes fällt es ihm auch leichter als anderen
durchaus linken Hochschullehrern - wie z.B. Werner Hofmann in Marburg
oder Theodor W. Adorno in Frankfurt -, den "utopischen Überschuss"
dieser Bewegung aufzufangen und auszuhalten, gleichwohl aber den Respekt
und die Anerkennung der sich radikalisierenden Studenten zu behalten.
Heinz Brakemeier weist im übrigen zu recht darauf hin, dass Abendroth
bereits früh dem Kontakt zum SDS mindestens die gleiche Bedeutung
zumaß wie der Arbeit in der SPD und in den Gewerkschaften, für
deren jeweilige Haupt- bzw. Bundesvorstände er ja in vielfältiger
Weise über viele Jahre hinweg in beratender Weise tätig war.
Richard Löwenthal hat über Abendroths Ausscheiden aus der SPD
bereits 1985 eine Auffassung geäußert, die erstaunlicherweise
in der Literatur bislang wenig Beachtung gefunden hat: "Der eigentliche
innere Bruch mit der Sozialdemokratie kam zwei Jahre vor seinem Ausschluss
als Führer der Seniorenhilfe für den SDS mit der Annahme des
Godesberger Programms von 1959, dem er einen aussichtslosen Gegenentwurf
entgegengestellt hatte." Lassen wir einmal die ironische Kennzeichnung
beiseite, so markiert er hier gleichwohl eine völlig andere Sichtweise
als die, die uns ansonsten im Zusammenhang mit Abendroths Ausscheiden
aus der organisierten Sozialdemokratie begegnet. Hat er recht?
Es spricht manches dafür, wenngleich ich die Auffassung vertrete,
dass beide Prozesse mit einer gewissen Ungleichzeitigkeit miteinander
verschränkt waren. Und wir haben dabei zu beachten, dass Abendroth
in den voraufgegangenen Jahren in Fragen wie der Wiederbewaffnung oder
der atomaren Aufrüstung immer wieder in Konflikt mit der offiziellen
SPD-Mehrheitslinie geraten war. Man wird diesen Entfremdungsprozess Abendroths
erst dann genauer nachvollziehen können, wenn eine detaillierte Aufarbeitung
des Entstehungsprozesses dieses Godesberger Programms in der Programmkommission
einschließlich der Rolle Abendroths darin geleistet wurde, die bislang
noch aussteht. Seine Kritik brachte er in einem Brief an den Parteivorsitzenden,
in dem er ihm seinen eigenen Gegenentwurf zuleitete, so auf den Punkt:
"Da ich der Meinung bin, daß der vorliegende Grundsatzprogramm-Entwurf
in vielem widerspruchsvoll und mit der Tradition der sozialistischen Arbeiter-Bewegung
unvereinbar ist, habe ich zwecks Diskussion unter einigen Genossen einen
Gegen-Entwurf abgefaßt..." Mit seiner diesem Gegenentwurf später
zugemessenen Intention, Restkader der "Alten" und vor allem
Kader der sozialdemokratischen Jugendorganisationen zu schulen, also Reste
von Klassenbewusstsein zu bewahren und zu stabilisieren, korrespondiert
die von Heinz Brakemeier übermittelte Befürchtung Abendroths,
dass es die wichtigste Funktion des zukünftigen SPD-Grundsatzprogramms
sein werde, die Linke in der Partei (und in den Gewerkschaften) dauerhaft
zum Schweigen zu verurteilen bzw. auszuschließen.
Dies erscheint mir zwar eine arg verkürzte Motivationserklärung
für einen immerhin mehrjährigen Programmerarbeitungs- und -diskussionsprozess
zu sein - immerhin tat aber die Parteiführung in der bald folgenden
Auseinandersetzung einiges dafür, dass sich der Eindruck verfestigen
konnte, ihr liege eine solche Entwicklung (mit oder ohne Programm) durchaus
am Herzen. Selbst wenn - so stimme ich ja Löwenthal durchaus zu -
die Godesberger Programmentscheidung zu einer tiefen inneren Abwendung
Abendroths von der SPD führte, bemühte er sich in der Folgezeit
durchaus weiter um ein loyales Verhalten gegenüber dem Parteivorstand.
So zeigte er Erich Ollenhauer seine bevorstehende Teilnahme mit Referat
auf einer Konferenz des SDS im Mai 1959 in Frankfurt, der später
mit Anlass für die Unvereinbarkeitsbeschlüsse gab, vorher schriftlich
an.
Und schon eine Woche nach dieser Konferenz, die mit einer mit Mehrheit
angenommenen radikalen außenpolitischen Resolution für Aufsehen
gesorgt und den SPD-Bundestagsabge-ordneten Mommer zur öffentlichen
Forderung nach Parteiauschlussverfahren veranlasst hatte, versuchte er
in einem ausführlichen Brief an die engere Parteiführung (Ollenhauer,
Wehner, von Knoeringen und Eichler) die Wogen zu glätten und warb
für ein rational-verständnis-volles Umgehen mit dem aufmüpfigen
Nachwuchs. Der Brief verdient es aus mehreren Gründen hier näher
wiedergegeben zu werden. Erstens dokumentiert er, dass sich Abendroth
zu diesem Zeitpunkt (durchaus bereits wissend, was "Godesberg"
bringen würde) noch absolut loyal gegenüber seinem Parteivorstand
verhielt und sich mit dessen Kritik an bestimmten Teilen der kritisierten
Resolution durchaus in Übereinstimmung sah. Zweitens verdeutlichen
Inhalt wie Wortwahl, dass er weit davon entfernt war, der kommunistischen
Führung im anderen Teil Deutschlands und ihren politischen Anhängern
im Westen irgend etwas Positives abzugewinnen. Und drittens entwickelt
er darin ein Verhältnis für ein "zeitloses" Umgehen
politischer "Erwachsenenorganisationen" mit ihren Jugendverbänden,
das - hätten es die Adressaten und ihre Nachfolger beherzigt - der
SPD eine Menge Ärger und sich periodisch wiederholende unfruchtbare
Konflikte mit ihren jeweiligen Jugend- und Studentenorganisationen erspart
hätte.
Abendroth gesteht darin zu, dass auf dem Kongress einige "fellow-travellers
der Stalinisten und einige Stalinisten" anwesend gewesen seien. Er
warnt jedoch davor, aus diesen Gründen mit disziplinarischen Maßnahmen
gegen die große Mehrheit der anderen vorzugehen: "Die jungen
Genossen können nur durch ihre eigenen Fehler lernen. Erzieht man
sie dazu, jeden ihrer Schritte ängstlich darauf abzustimmen, ob er
der Führung der Partei und den Intentionen der Verbandsleitungen
gefällt, so wirkt man - ob man will oder nicht - zu Gunsten jenes
Konformismus, der für die politische Demokratie allgemein, für
die Entwicklung der sozialistischen Bewegung im besonderen die größte
Gefahr darstellt. Gerade die besten jungen Genossen (das gilt für
die Studenten ebenso wie für die jungen Arbeiter, die auf dem Kongreß
anwesend waren), werden eine Periode durchlaufen müssen, in der sie
zu scheinradikalen Formulierungen neigen und also auch einmal entsprechende
Fehler in ihrem Verhalten nach außen nicht vermeiden können.
Schließt man sie deshalb aus den Organisationen der sozialistischen
Bewegung aus, so treibt man sie unvermeidlich den Stalinisten in die Arme."
Mir erscheint die zitierte Passage nur als klare Absage an eine leninistische
Parteiauffassung gelesen werden zu können. Umgekehrt erinnert sie
aber schon an Rosa Luxemburgs berühmtem Diktum: "Fehltritte,
die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich
unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des
allerbesten 'Zentralkomitees'." Abendroth weist anschließend
darauf hin, dass Ausschlussverfahren objektiv das Gegenteil dessen bewirken
müssten, was der Initiator bewirken wolle: nämlich eine erhebliche
Stärkung des Einflusses der SED auf die westdeutsche Arbeiterbewegung.
Stimmungen unkontrollierter Sympathien für die DDR könne man
aber immer wieder nur durch demokratische Diskussion und dadurch auflösen,
dass die Partei - wie mit dem Deutschlandplan - realistische Lösungen
anbiete. Und er schließt mit der Bekräftigung, dass die Partei
natürlich zum Ausdruck bringen müsse, dass sie bestimmte Formulierungen
der Resolutionen dieses Kongresses nicht billige, und dass die Mehrheit
der Teilnehmer sehr bald einsehen werde, "daß zu diesen Fragen
die Partei richtig gesehen hat."
Der hier beschriebene Prozess erfuhr in gewisser Weise im Jahre 1961 seine
Wiederholung - zumindest, was die Rolle Abendroths betrifft. Ohne vorher
auch nur einem Mitglied des SDS oder der Förderergesellschaft die
Gelegenheit zu geben, zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung
zu nehmen, beschloss der Parteivorstand Mitte Oktober die Unvereinbarkeit
zwischen diesen Organisationen und der SPD. Erst nach diesem Beschluss
fand ein Gespräch zwischen Ollenhauer und Wehner auf der einen, Abendroth
und Flechtheim auf der anderen Seite statt, in dem - so Abendroth - nicht
mehr diskutiert, sondern nur noch die Unterwerfung verlangt wurde. Pikanterweise
wurde die Begründung für diesen Beschluss erst drei Monate später
veröffentlicht. U.a. hieß es darin, der SDS habe im Januar
1959 in Berlin und im Mai 1959 in Frankfurt (also vor mehr als zwei Jahren
- für eine Studentenorganisation eine kleine Ewigkeit) "eindeutig
SED-infiltrierte" Kongresse veranstaltet. Beiden Organisationen wurde
vorgeworfen, sie hätten nach einem "wohlüberlegten Plan"
die SPD spalten wollen.
Festzuhalten bleibt, dass Abendroth trotz seiner Auffassung, dass sich
die SPD mit dem Godesberger Programm außerhalb ihrer eigenen Traditionen
gestellt hatte, auch zwei Jahre später noch intensive Versuche unternimmt,
den drohenden Parteiausschluss und den endgültigen Bruch abzuwenden.
So lesen wir selbst einige Jahre später (1964) noch, dass es nicht
sein Problem sei, in der SPD mitzuwirken, sondern das dieser Partei: "Ich
hätte keinerlei Bedenken, in der SPD zu arbeiten, wenn ich die Möglichkeit
dazu hätte. Aber die Erörterung sozialistischer Lösungen
ist ja bei denen verboten."
Über den gescheiterten Versuch eines eigenständigen Linkssozialismus
...
Dass sich der "Fall Abendroth" für die SPD noch für
lange Zeit nicht in Richtung auf eine "prokommunistische" Wendung
lösen sollte, soll ein Streifzug durch einen Aufsatz Abendroths verdeutlichen,
der im Folgejahr erschien. Man kann heute nur darüber spekulieren,
warum diese Veröffentlichung nur in Italien geschah, während
ja ansonsten Beiträge Abendroths in ausländischen Zeitschriften
eher im Wege von Übersetzungen zustande kamen. Es spricht einiges
dafür, dass dies der Tatsache geschuldet ist, dass Abendroth nicht
gerade freundlich, zugleich aber drastisch-offen über Grundprobleme
der deutschen Linken außerhalb der Sozialdemokratie handelt.
Der Aufsatz schließt mit folgender Überlegung: " ... es
gibt heute kein Zentrum, um das herum sich die Oppositionsströmungen
zu einer echten politischen Kraft bündeln könnten. Voraussetzung
für die Bildung eines derartigen Zentrums wäre, daß eine
wenn auch kleine Gruppe linker Intellektueller und Gewerkschaftsführer
in vollem Umfang diese Situation begreift und sich von der Politik der
Sozialdemokratie und der kommunistischen Partei auf eine Weise abgrenzt,
die sie auch deutschen Arbeitermassen klar und verständlich werden
ließe, ohne Konzessionen gegenüber der öffentlichen
Meinung', der Presse, der Führung der politischen Parteien in der
Bundesrepublik Deutschland einzugehen, die alle auf eine Politik der Gewalt
und auf eine Verschärfung der internationalen Spannungen abzielen."
Abendroth sparte in diesem Aufsatz nicht mit Kritik an der Entwicklung
der Politik von Gewerkschaften und SPD - kein Wunder, hatte letztere ihn
erst im Jahr zuvor ausgeschlossen. Der Schwerpunkt des Textes liegt jedoch
auf einer Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten der unabhängigen
mit der (inzwischen im Westen ja verbotenen) kommunistischen Linken. Ausgangspunkt
dafür ist für ihn der Zustand der DDR und ihrer Führung.
Trotz der Konzedierung eines gewissen Verständnisses für die
Reparationspolitik der UdSSR gegenüber der DDR stellt er fest, dass
eine derartige wirtschaftliche Plünderung über lange Zeit nicht
ohne Ausübung einer Schreckensherrschaft habe durchgeführt werden
können. Darin sieht er die eigentliche Erklärung dafür,
dass die SED, die von Anfang an eine "stalinistische Partei"
gewesen, dies bis zum jetzigen Zeitpunkt auch geblieben sei. Parallel
dazu seien weite Teile der Linken in der Bundesrepublik durch die Politik
der Führungen von SPD und DGB desillusioniert worden.
Abendroth empfindet dieses Dilemma einer nichtstalinistischen Linken deshalb
als besonders gravierend, weil er es für eine "hartnäckige
Illusion" hält, "die Auflösung des sozialistischen
Bewußtseins in der deutschen Arbeiterbewegung durch Zusammenarbeit
mit den stalinistischen Gruppierungen aufhalten zu können. Das Verbot
der KPD und ihrer politischen Freunde verhindert es, diese Illusion offen
auszufechten ..." Die einzige organisierte Gruppierung der deutschen
Linken, die dieses Problem für sich gelöste habe, die in ihren
Reihen keine philostalinistische Unentschlossenheit zulasse, so schreibt
er, sei der SDS (über andere Personen, Gruppen und Zeitschriften
hatte er sich zuvor kritischer geäußert).
Ich habe die Positionen dieses Aufsatzes hier nicht nur so breit wiedergegeben,
weil er bislang in der Bundesrepublik weitgehend unbekannt bzw. unbeachtet
geblieben ist. Vielmehr ging es mir auch um den Nachweis, dass Abendroth
in diesen Jahren authentisch und glaubwürdig um eine eigenständige
linkssozialistische Position in der bundesrepublikanischen politische
Landschaft rang. Folgerichtig führten diese Überlegungen in
die Aktivitäten des "Sozialistischen Bundes", dessen organisatorische
wie inhaltliche Arbeit ebenfalls bis heute noch einer eingehenderen Aufarbeitung
harrt.
Als Abendroth Mitte 1963 dessen Aufgaben beschrieb, hatte sich sein Urteil
keineswegs gewandelt: "Die für uns in dieser Richtung dringlichste
Frage ist dabei die Stellung gegenüber dem deutschen Staat, der sich
als sozialistisch' bezeichnet, gegenüber der DDR. Die altstalinistischen
Herrschaftsformen in der DDR, die nur äußerst begrenzt (z.B.
in juristischen Fraugen) aufgelockert worden sind, bleiben (von Albanien
abgesehen) noch immer die reaktionärsten des Ost-Blocks und kompromittieren
in der Bundesrepublik den Sozialismus in solchem Maße, daß
wir auf ihre scharfe Kritik unter keinen Umständen verzichten können."
... in die Nähe der DKP
Der Versuch, eine eigenständige linkssozialistische Gruppierung
oder Partei zwischen SPD und illegaler KPD aufzubauen, darf mit Fug und
Recht als gescheitert betrachtet werden. Das Jahr 1968 markiert dabei
insofern einen gewissen Kristallisations- und Kulminationspunkt, weil
sich hier gleich mehrere Entwicklungen zu Entscheidungen bündelten.
Die Studentenbewegung entwickelte sich rasch zu einer für den bürgerlichen
Staat durchaus bedrohlichen Massenbewegung (und zwar nicht nur in Deutschland).
Verbunden damit war allerdings auch eine gewisse Abkehr von festen, parteiförmigen
Organisationsstrukturen hin zu spontanen, als "revolutionär"
verstandenen Massenaktionen. Gleichzeitig walzten sowjetische Panzer in
Prag die Hoffnung auf den Beginn eines "Sozialismus mit menschlichem
Antlitz" im realsozialistischen Lager nieder. Abendroth gehörte
zu einer Gruppe unabhängiger Linksintellektueller, die dies in einer
öffentlichen Resolution deutlich verurteilte. Schließlich wurde,
nach sorgfältigen Sondierungen mit dem sozialdemokratischen Innenminister
Gustav Heinemann, eine Deutsche Kommunistische Partei (DKP) in der Bundesrepublik
legal neu gegründet, die fortan die Gründung einer eigenen linkssozialistischen
Partei zumindest weiter erschwerte, wenn nicht letztendlich ganz verhinderte.
Das 1969 zu den Bundestagswahlen antretende Wahlbündnis "Aktion
Demokratischer Fortschritt" (ADF) wurde nicht nur von Abendroth,
sondern auch bereits von der DKP unterstützt, eine Situation, die
noch im Jahr davor innerhalb des Sozialistischen Bundes gerade wegen der
Prager Ereignisse auf heftige Ablehnung gestoßen war.
Viele glaubten wohl in dieser Zeit, sich zwischen der unorganisierten,
antiautoritären Studentenbewegung oder neuen, festen Organisationsformen,
in diesem Fall der DKP und ihrer Studentenorganisation, dem MSB-Spartakus,
entscheiden zu müssen. Dies scheint - so gibt es zumindest Jürgen
Seifert aus einem Gespräch wieder - auch bei Wolfgang Abendroth der
Fall gewesen zu sein. Er hielt nun die neu entstandene DKP - sicher zunächst
ohne sich Illusionen über die in ihr verbliebenen Restbestände
stalinistischer Kader bzw. stalinistischen Gedankenguts zu machen - für
einen neuen Kristallisationskern zur Entwicklung von Klassenbewusstsein
in der zeitgenössischen Bundesrepublik. Öffentlich allerdings
nahm er sie nun gegen Attacken von außen nahezu ohne eigene kritische
Einwände in Schutz.
Von der noch 1963 für erforderlich gehaltenen "scharfen Kritik"
und dem dazu gehörigen Begründungszusammenhang lesen wir nun
ebenfalls nichts mehr. Eine Buchbesprechung von Jean Elleinsteins "Geschichte
des Stalinismus" nutzt er 1977 - verglichen mit seinen Positionen
der sechziger Jahre (und ohne die Gründe für seinen Einstellungswandel
wirklich kenntlich zu machen) - zu der schon erstaunlichen abschließenden
Feststellung, dass es "unvermeidlich" (wir müssen hinzufügen:
nur noch) sozialpsychologische (und organisatorische) Reste des Stalinismus
gebe, die aus dieser Zeit vor dem 20. Parteitag der KPdSU von 1956 stammten.
Wir können hier nur festhalten, dass im Übergang der späten
sechziger zu den siebziger Jahren seine Beurteilung der Politik der DDR
bzw. der UdSSR im Vergleich zu der Vorperiode ausgesprochen milde wurde,
wenngleich er innere Repressalien, sei es gegenüber Biermann, sei
es gegenüber Bahro, weiter, wenn auch sehr viel vorsichtiger kritisierte,
was ihm heftige Kritik von früheren Mitstreitern einbrachte.
Während er den sozialliberalen Wahlsieg 1972 ausdrücklich begrüßt,
ruft er 1976 erstmals offen zur Wahl der DKP auf. Sie sei die einzig rationale
Kraft, die man wählen müsse, um von links gegen die SPD-Führung
zu protestieren. Angesichts der Kandidatur von Strauß konnte er
sich 1980 - wenn ich es richtig sehe - nicht zu einer Wiederholung dieses
Aufrufs durchringen. Wegen der unvermeidlichen Polarisierung war klar,
dass die DKP noch weit weniger als vier Jahre zuvor eine Chance haben
würde, die 5%-Hürde zu überspringen. Deshalb warb er für
breite Aktionsbündnisse gegen die Strauß-Kandidatur. 1983 schließlich
stellte er (ohne "Anhänger noch Sympathisant" der Grünen
zu sein) Erwägungen an, dass es - weil die DKP keine Chance habe,
über die 5%-Hürde zu kommen - Sinn machen könne, die Grünen
als möglichen linken Koalitionspartner der SPD zu stützen. Bei
den Europawahlen 1984 begründete er seinen Aufruf zur Wahl der "Friedensliste"
ausdrücklich mit deren Bündnischarakter und dem Vorrang des
Themas Hochrüstung. Es gebe keinen Grund, sie zu diffamieren, weil
auf ihrer Liste auch Kommunisten kandidierten. Und er fügte hinzu:
"Auch ich bin wieder Mitglied noch Anhänger der DKP, und es
gibt viele Fragen, in denen ich anderer Meinung bin als die DKP. Aber
Kommunisten nur deshalb, weil sie Kommunisten sind, aus dem politischen
Leben auszuschließen, das heißt, Demokratie in die Luft zu
sprengen ..."
Beobachtet man diesen Gesamtprozess, wird man insgesamt feststellen müssen,
dass der Wandel seiner politischen Grundeinstellung wie der seiner veröffentlichten
Stellungnahmen zwischen den sechziger und den siebziger Jahren ähnlich
dramatisch erscheint, wie der Wechsel von der Arbeit im kommunistischen
zum sozialdemokratischen Organisationszusammenhang in den vierziger Jahren.
Auch über die Gründe dafür, über die Motivationen
oder neue Einsichten erfahren wir durch eine Analyse seiner Veröffentlichungen
zu wenig. Der diesmal sehr viel langsamere Wandel wird sich durch eine
sorgsame Analyse herausarbeiten lassen, aber letztendliche Klarheit dürfte
erst durch Motivationsforschung in seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld
und wissenschaftlichen wie politischen Diskussionszusammenhang zu erzielen
sein. Denn rätselhaft blieb dieser Einstellungswandel durchaus auch
für eine Reihe von Wegbegleitern, die bis dahin ein ganzes Stück
der Wegstrecke mit Abendroth gegangen waren.
So lesen wir 1977 in einer Buchbesprechung bei seinem alten Weggefährten
Ossip K. Flechtheim unverhohlen kritische Fragen zu Abendroths neuer Haltung
gegenüber der Sowjetunion, der DDR und den deutschen Kommunisten.
Angesichts seiner eigenen Geschichte sei es um so unverständlicher,
dass er sich in den letzten Jahren Moskau angenähert habe. Er kritisiere
zwar mit Recht die autoritären Tendenzen in der SPD, halte der DKP
aber nur vor, sie sei zu schwach.
Wie weiter mit Abendroth?
Abendroths Leben ist ungeachtet vieler eigener wie fremder Darstellungen
voller Brüche und Wendungen, die neu entdeckt und untersucht werden
wollen. Dabei wird sehr viel genauer auf die Unterscheidung von zeitgenössischen
Entscheidungsmotivationen und nachträglichen intellektuellen Rationalisierungen
zu achten sein, die von ihm selbst nachträglich häufig verwischt
wurden. Neue Zeiten, neue Erfahrungen stellen auch viele Fragen neu. Der
Blick auf die Geschichte der Staaten des "realen Sozialismus"
wie auf die Organisationen der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts ist
nach den Umbrüchen der Jahre 1989 bis 1991 notwendig ein anderer
als noch im Todesjahr Abendroths 1985, als er zuletzt in größerem
Umfang wissenschaftlich wie politisch gewürdigt wurde. Das hätte
er wohl selbst nicht anders beurteilt. Nähern wir uns seinem Wirken
auf diese Weise neu, wird vielleicht mancher Mythos zu beerdigen sein,
wird aber vielleicht um so mehr von dieser faszinierenden Persönlichkeit
zutage treten, die auch deshalb geradezu paradigmatisch für ein "Leben
in der Arbeiterbewegung" in diesem schauerlichen 20. Jahrhundert
steht, weil sie an all ihren Wirren und Irrtümern, aber auch an ihren
Erfolgen und Errungenschaften teilhatte.
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