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Die
schleichende Entpolitisierung der Volkspartei
Anmerkungen zur Lage der Sozialdemokratie nach dem Nürnberger Bundesparteitag
Von
Benjamin Mikfeld
Benjamin
Mikfeld, Sozialwissenschaftler, ist Mitglied des SPD-Parteivorstandes
und Mitherausgeber von spw, er lebt in Bochum.
Der Generalsekretär der SPD hat in den letzten Wochen des öfteren
darauf aufmerksam gemacht, dass es in der Partei zunehmende Stimmen gibt,
die sich die Frage stellen, ob nicht die Oppositionsrolle besser wäre
als das Regieren. Franz Müntefering thematisiert dieses Problem vollkommen
zu Recht. Auch aktuelle Umfragen belegen ein Mobilisierungsdefizit der
SPD im Vergleich mit den politischen Gegner. Aber machen wir ein banales
Gedankenexperiment. Wenn ein Anhänger der Sozialdemokratie das Handeln
und Reden der Regierung in wichtigen Politikfeldern (Außenpolitik,
Innenpolitik, Wirtschaftspolitik) ernst nimmt und die von ihr selbst verlautbarte
Position akzeptiert, dass erstens die Spielräume für Regierungshandeln
sehr eng sind und zweitens eine Regierungspartei die primäre Funktion
hat, das Regierungshandeln abzusichern, dann kann dieser Anhänger
durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Oppositionsrolle sinnvoller ist.
Diese Position wäre alles andere als dogmatisch oder zynisch, sondern
rational. Denn die Rolle einer Opposition liegt darin, auf Missstände
und Reformalternativen aufmerksam zu machen. Sie muss zudem politisieren
und Protest bündeln. Besser, dies geschieht aus einer aufgeklärten,
sozialen und emanzipatorischen Perspektive als aus dem entgegengesetzten
politischen Lager. Dieses Gedankenspiel verdeutlicht einen (wenn auch
politisch wenig hilfreichen) Ausbrechversuch aus dem gegenwärtigen
rot-grünen Dilemma. In vielen entscheidenden Fragen "sozialdemokratischer
Identität" vertritt die Regierung einen Kurs, den die zweifelsohne
sehr heterogene Mitglieds- und Anhängerschaft teils aus Einsicht
in die vermeintlichen taktischen und inhaltlichen Sachzwänge stützt,
teils zähneknirschend bis enttäuscht, aber keineswegs mit Begeisterung
hinnimmt.
Nur vor dem Hintergrund dieses Dilemmas kann der vergangene Bundesparteitag
der SPD in Nürnberg ("Erneuerung. Verantwortung. Zusammenhalt.")
interpretiert werden, will man das Geschlossenheits-Hurra der Parteiführung
genauso vermeiden wie die inzwischen nach jedem Parteitag übliche
ritualisierte Verratsrhetorik von Teilen der Linken. In den zwei entscheidenden
"Knackpunkten" des Bundesparteitags, die gleichzeitig auch Grundsatzfragen
für die SPD darstellen, haben viele Delegierte entgegen ihrer Überzeugung
auf die finale Kraftprobe mit der Regierungslinie verzichtet - erstens
die Definition eindeutiger Grenzen einer Unterstützung der militärischen
Intervention gegen die Verantwortlichen der Terroranschläge vom 11.
September und zweitens die Entwicklung einer über die bisherigen
Maßnahmen hinausgehenden Strategie zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit.
Im politischen Vorlaufprozess wurden Kompromisse vereinbart, die jedoch
für die interessierte Öffentlichkeit nicht erkennbar wurden.
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Schon gar nicht ist die Zustimmung zum finanzpolitischen Konsolidierungskurs
und zum Einsatz der Bundeswehr - unabhängig davon, wie man im einzelnen
zu ihnen steht - in ein fortschrittliches Gesamtkonzept zukünftiger
Wirtschafts- und Außenpolitik eingebettet worden. Zwar ist es in
vielen Fragen durchaus gelungen, sinnvolle Reformanliegen zur Beschlusslage
zu machen. Dies gilt für außen- und entwicklungspolitische
Arbeitsmarktpolitik. So wurde beispielsweise erstmalig der perspektivische
Umbau der Arbeitslosen in eine flexible, Erwerbsbiographien absichernde
Arbeitsversicherung beschlossen. Die selektive mediale Berichterstattung
hat dies jedoch nicht nach außen dringen lassen. Und Parteitagsbeschlüsse,
die nicht öffentlich kommuniziert werden, sind kaum etwas wert. Somit
wurde das ursprüngliche Anliegen, die strategische Linie "Sicherheit
im Wandel" auf Basis der bereits Monate vor dem Parteitag zur Diskussion
vorlegten Leitanträgen in den Bereichen Wirtschafts- und Sozialpolitik,
Familie, Bildung, Europa, Jugend und Kommunalpolitik in der Partei zu
verankern, durch die Ereignisse des 11. September zunichte gemacht.
Dem Parteitag fehlte -eine wirkungsmächtige progressive inhaltliche
Botschaft. Im Prinzip gingen vom dem von Gerhard Schröder in seiner
Grundsatzrede als "sicher einer der wichtigsten Parteitage in unserer
jüngeren Geschichte" bezeichneten Konvent nur zwei Signale aus.
Der Kanzler setzt sich mit seinem Kurs durch und die SPD steht weiterhin
für rot-grün. Letzteres darf nicht zu gering bewertet werden,
denn beide Botschaften haben einen inneren Zusammenhang. Die Tatsache,
dass die Zustimmung des Parteitages zum Kurs der Regierung auch gerade
deswegen erfolgt ist, um die Koalition gegen die Lockrufe von Westerwelle
zu stabilisieren, wird von einigen führenden Sozialdemokraten offen
problematisiert. Der eine oder andere Protagonist der sich am Rande des
Parteitages gegründeten "Nürnberger Mitte" sieht den
Existenzgrund des neuen Zusammenhangs konservativer Sozialdemokraten darin,
die Partei auf andere Koalitionsoptionen vorzubereiten.
In der Öffentlichkeit blieb die Interpretation vom Nürnberger
Parteitag vorherrschend, dass die SPD einen großen Schritt in Richtung
"Kanzlerwahlverein" gegangen sei. Doch diese Diagnose ist über-
und untertrieben zugleich und somit doppelt falsch. Sie ist übertrieben,
weil der ihr zugrunde liegende auch auf die Funktionsträger projizierte
Vorwurf des Machtopportunismus nicht zutrifft. Die SPD hat aus den Erfahrungen
des Jahres 1999 gelernt, als politische Fehler und offen ausgetragener
Streit dem politischen Gegner ungewollt in die Hände gespielt haben.
Die Folge waren schmerzliche Wahlniederlagen in sicher geglaubten Bastionen
im Saarland und in NRW. Vor diesen Hintergrund befindet sich die SPD in
einer schwierigen Phase, die eigene Rolle im Spannungsfeld von Regierungsverantwortung
und Programmpartei neu zu definieren. Zwar dominiert in der SPD die Auffassung,
dass eine stabile fortschrittliche Reformpolitik nur mit einer rot-grünen
Regierung möglich ist. Gleichzeitig hat die Partei verstanden, dass
sich eine sozialdemokratische Bundesregierung im Medienzeitalter und nach
16 Jahren Regierungs-Konservatismus in außen- und innenpolitischen
Zwängen befindet, die sich auch nicht durch Parteitagsbeschlüsse
auflösen lassen. Der Trend zur Personalisierung und der Ausblendung
des prozesshaften Charakters von Politik lässt wenig Interpretationen
jenseits von "Kanzlerwahlverein" und "zerstrittener Haufen"
zu. Jede über die gegenwärtige Regierungslinie hinausweisende
Positionierung wird zwangsläufig als Vertrauensbruch mit der politischen
Führung missverstanden. Parteitage haben somit einen Funktionswandel
hinter sich. Sie dienen kaum noch dem nach innen gerichteten Sortierungsprozess
einer Partei und statt dessen immer mehr der Erzeugung eines Außenbildes.
Das Machtverhältnis zwischen Führung und Basis ist asymmetrisch,
denn die "Führung" kann den medialen Druck dem sie unterliegt,
in kritischen Situationen als Machtressource einsetzen und an die Basis
weitergeben - nach dem Motto: "Ihr könnt ja beschließen
was ihr wollt, aber ich kann und werde es nicht umsetzen." Parteitage
sind inzwischen permanente, bewusst inszenierte Vertrauensfragen. Klatschzeiten
oder Wahlergebnisse sind bedeutsamer als Inhalte. Allerdings kann der
Schuss nach hinten losgehen, wenn die Disziplinierung bei der individualisierten
Anonymität geheimer Wahlen nicht mehr greift. Und so äußert
sich der angestaute Unmut fast nur noch symbolisch über Denkzettel
bei Wahlen z.B. der stellvertretenden Parteivorsitzenden.
Gerade deswegen ist der "Kanzlerwahlverein-Vorwurf" auch untertrieben.
Denn er macht die Dramatik einer schleichenden Entpolitisierung der Volkspartei
SPD nicht hinreichend deutlich. Die SPD ist als Partei schon lange nicht
mehr der Ort der gesellschaftlichen Zukunftsdebatte, warum sollen es dann
Parteitage sein? Im wesentlichen haben wir es mit einer Verschränkung
folgender Entwicklungen zu tun:
Die Entkopplung von Parteipolitik und gesellschaftlichem Alltag, d.h.
die "Krise der Repräsentation" ist nicht nur in Bezug auf
die Parteiführung zu konstatieren, sondern auch auf den so genannten
"Mittelbau" und die Basis. Die politischen Prozesse innerhalb
der SPD bezeugen eine lähmende Binnenfixierung. So führte die
dringend nötige Reform der NRW-SPD nicht etwa zu einer Klärung,
wie sich eine moderne Volkspartei im Wandel neu aufzustellen hat. Auch
die Programmdebatte ist nach wie vor eher "Club der toten Dichter"
als öffentlich wahrnehmbares Forum für progressive Zukunftsentwürfe.
Die veränderte Rolle der Massenmedien forciert die Personalisierung
von Politik und blendet die ihr zugrunde liegenden unterschiedlichen Interessen,
Prozesse und Kompromissbildungen aus. Die Herausbildung eines politisch-journalistischen
Komplexes verstärkt den Trend zur "VerMittung" von Politik,
d.h. alle politischen Vorgänge werden aus der Brille der gesellschaftlichen
Mittelschichten betrachtet. Die Hauptstadtbühne Berlin-Mitte wird
somit tendenziell zum Wandlitz der Berliner Republik.
Der SPD fehlt die Anbindung an soziale Bewegungen und an progressive Intellektuelle.
Zwar hat dies mit der gegenwärtigen Schwäche derselben zu tun.
Aber mit Blick auf die in allen gesellschaftlichen Gruppen wachsende "Globalisierungskritik"
könnte sich diese Distanz womöglich als sehr problematisch erweisen.
Die Flügel der Partei sind erlahmt und entfalten immer weniger Bindewirkung.
Damit verlieren diese aber auch ihre Funktion, unterschiedliche Positionen
in der SPD zu bündeln und ihnen einen politischen Ausdruck zu verleihen.
So ist das Theorie- und Strategiedefizit der sozialdemokratischen Linken
eklatant. Und weil sie nicht mehr in der Lage ist, den ökonomischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Wandel in seinen Zusammenhängen
zu begreifen, verkriechen sich die Vertreter der sozialdemokratischen
Linken in ihre fachpolitischen Nischen. Was bleibt, ist der Glaube an
die eigene moralische Überlegenheit. Damit bleibt die Aufgabe der
Linken - aus der zeitgemäßen (!) Kritik der bestehenden Verhältnisse
Strategien für die gesellschaftliche Veränderung abzuleiten
unerledigt.
Ein Generationenkonflikt als möglicher Katalysator zur Neuprofilierung
einer Partei findet nicht statt. Statt dessen bahnt sich ein "kalter
Generationenumbruch" an. Die sozialdemokratische Nachwuchsriege um
die 40 hat nur ein einziges Projekt: sie selbst. Dabei verwischen die
Unterschiede zwischen den Parteien immer mehr. Oft können junge Sozialdemokraten,
liberale Grüne, aufgeklärte Konservative und soziale Liberale
die Unterschiede zu den jeweils anderen nicht mehr erklären.
Da sich das Spannungsverhältnis zwischen Regierungsverantwortung
und Programmpartei unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen
lässt, kann die Strategie einer Re-Politisierung nicht in der Inszenierung
von spektakulären Kampfabstimmungen auf Parteitagen in tagesaktuellen
Fragen liegen - unter im übrigen selten ehrlich gemeinten Anfeuerungsrufen
der Medien von taz bis Welt. Der Glaube, dass öffentlich ausgetragene
Konflikte in Parteien größere Teile der Gesellschaft interessieren
bzw. es positiv honoriert wird, wenn man es "denen da oben"
mal so richtig zeigt, ist eine Sicht von politischen Funktionären,
die mit der Realität unter den gegebenen medialen Bedingungen leider
wenig zu tun hat. Auf der anderen Seite kann man den Vertretern der "Nürnberger
Mitte", die Partei auf sozialliberalen Kurs bzw. autoritäre
Unterordnung umzuprogrammieren, nur viel Spaß wünschen. Eine
solche Strategie würde eine SPD hinterlassen, die allenfalls noch
als Juniorpartner in einer großen Koalition regieren könnte.
Entscheidend wird es vielmehr sein, , eine mobilisierende und Sinn stiftende
"sozialdemokratische Erzählung" zu entwickeln, die mehr
ist als die Summe der einzelnen Teile bzw. die Addition zusammenhangloser
Reformmaßnahmen Dabei geht es nicht allein um komplexe programmatische
Entwürfe, sondern vor allem um die symbolische Ebene von Politik.
Bislang ist es nicht gelungen, in die Zukunftsthemen wie Arbeit und Bildung
die vielen durchaus sinnvollen Regierungsmaßnahmen als neuen Politikansatz
zu kommunizieren. Damit wird man aus Gerhard Schröder gewiss keinen
Visionär machen. Es wird letztendlich eine kritisch-produktive Spannung
zwischen Regierung und Partei sein müssen. Aber der pragmatischen
"Verantwortung für das Ganze" muss auch eine sinnstiftende
"Idee für das Ganze" zugrunde liegen, die von der Sozialdemokratie
im Grundsatz geteilt wird. Denn im Windschatten einer von Merkel und Stoiber
geführten krisengeschüttelten und uneinigen Union lauert ein
dumpfer Nationalkonservatismus in Form von Roland Koch, der durchaus in
der Lage wäre, das Sinnvakuum mit einer gezielten Verunsicherungs-Politik
zu füllen, wenn es der Linken nicht gelingt, ihre eigenen Aktivisten
und Anhänger nicht nur taktisch zu disziplinieren, sondern auch wieder
zu begeistern.
Hervorhebungen:
Der SPD fehlt die Anbindung an soziale Bewegungen und an progressive Intellektuelle.
Die Strategie einer Re-Politisierung kann nicht in der Inszenierung von
spektakulären Kampfabstimmungen liegen
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