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Die
scheinbar unpolitische Ökonomie des Rentners
Pensions und andere Fonds im gegenwärtigen Kapitalismus
Michael
R. Krätke
Michael
R. Krätke, Professor an der Univesität Amsterdam, Mitherausgeber
der spw. Die Literaturliste zum Referat kann bei redaktion@spw.
de angefordert werden.
1. Die neue Fondsökonomie
Es ist erst ein paar Jahre her, da feierte der altehrwürdige "Economist"
eine gelungene Revolution - die Revolution der Fonds, die ein neues goldenes
Zeitalter des Kapitalismus und der immerwährenden Prosperität
einläuten sollte: "Thanks to mutual funds revolution, everyone
is a capitalist now"( The Economist, 25. 10. 1997, S. 30). Ein Jahr
davor war in zweiter Auflage ein Buch von Peter Drucker erschienen, der
schon 1975 die "heimliche" Revolution gefeiert hatte, die dank
des Aufstiegs der Pensionsfonds in den USA stattgefunden habe. Ohne es
zu ahnen oder gar zu wollen, seien die USamerikanischen Arbeitnehmer mittlerweile,
dank ihrer Pensionsfonds, zu Mehrheitsaktionären, ja sogar zu den
wahren Eigentümern des USKapitals aufgestiegen. Allerdings werden
die enormen Geldvermögen der Pensionsfonds von Managern verwaltet,
denen die Fonds nicht gehören. Weder die Manager noch die Beitragszahler
und Pensionäre sind strikt genommen Kapitalisten, die auf eigene
Rechnung Gewinne machen. Der Pensionsfonds-Kapitalismus scheint daher
ein Kapitalismus ohne Kapitalisten zu sein (vgl. Drucker 1993, 70). Irgend
etwas stimmt hier nicht.
Auf den ersten Blick scheinen die Fonds, die jedermann zum Kapitalisten
machen sollen, gleichzeitig aber ohne Kapitalisten auszukommen scheinen,
geradezu ideal zu der schönen neuen Welt des "flexibilisierten"
Kapitalismus zu passen. Nicht nur wegen des ideologischen Knalleffekts,
sondern weil das Fondskapital so hochmobil ist, wie es die "neuen"
Arbeitnehmer dank und durch "Flexibilisierung" erst noch werden
sollen.
Ursprünglich waren die Pensionsfonds, mittlerweile die bedeutendste
Form von Anlagefonds in der weltweiten Fondsökonomie, in den USA
und in Großbritannien gegründet worden, um die in Zeiten der
Vollbeschäftigung abwanderungsbereiten Arbeitskräfte, vor allem
die schwer ersetzbaren Facharbeiter, möglichst dauerhaft an ein Unternehmen
zu binden. Es ging, getreu der alten Bismarckschen Logik auch darum, die
Leute zu disziplinieren: Wer eine Pension zu erwarten, aber auch zu verlieren
hat, der rebelliert nicht so schnell. Das einstige Klassenprivileg der
sozialen Sicherheit wurde nicht so einfach aus der Hand gegeben. Sozialpolitik
war von Anfang an Machtpolitik. Bis heute sind daher die betrieblichen
und überbetrieblichen Pensionsfonds (Betriebsrentenfonds) oft genug
ein Hindernis für die berufliche Mobilität, da erst eine langjährige,
kontinuierliche Betriebs und Fondszugehörigkeit ( nicht selten 10
Jahre und mehr) sich für den einzelnen Arbeiter als Rentner auszahlt.
In den Ländern, wo diese Fonds eine wichtige Rolle spielen, kämpft
man seit Jahren mit dem als "Pensionsbruch" bekannten Problem:
Wer den Arbeitsplatz wechselt, wechselt auch zu einem anderen Pensionsfonds
und kann dabei durchaus verlieren. Wer es sich leisten kann, sich ganz
in einen privaten Pensionsfonds zu verabschieden, für den ist das
kein Problem. Für die meisten Arbeitnehmer, die de iure oder de facto
an betriebliche und / oder überbetriebliche (Betriebsrenten) Fonds
gebunden sind, ist es eins.
Heute dagegen setzen die Unternehmen auf Flexibilität und Unsicherheit
und betrachten die Pensionsfonds alten Stils eher als Hindernis, denn
als Motor der Flexibilisierung. Langjährige Betriebszugehörigkeit
ebenso wie Berufserfahrung bzw. betriebsinternes Wissen zählen immer
weniger bzw. werden als entbehrlich betrachtet. Arbeitnehmer mit wohlerworbenen
Anciennitätsrechten gelten vor allem als Kostenfaktor. Was daher
heute im Gang ist, ist eine Auslagerung und gleichzeitig Formveränderung
der Pensionsfonds, die in den letzten Jahren verstärkt betrieben
wird. Pensionsfonds, die eine bestimmte Mindestrente garantieren (defined
benefits) gibt es, anders als noch vor 15 Jahren, heute immer weniger.
Ideal und dem Leitbild des "flexiblen" ArbeitskraftUnternehmers
entsprechend, wäre eine vollständig private Pensions oder Lebensversicherung,
die von einem großen, internationalen Finanzkonzern angeboten wird
und die man überall mit sich herum tragen kann. Diese Art der privaten
"Vorsorge" kann der moderne Mensch sogar beleihen, verkaufen,
vererben oder sonstwie übertragen - alles, was man mit einer staatlichen
oder öffentlichen Rentenversicherung nicht kann. Allerdings können
sich die wenigsten Leute, von den ausgesprochenen Besserverdienern abgesehen,
eine solche Privatpension auch leisten. Denn deren Anbieter tun, was sie
können, um "schlechte" Risiken zu vermeiden.
Mit den Fonds, die als Großaktionäre in vielen Unternehmen
und Branchen auftreten, da sie seit gut 15 Jahren ihre Gelder verstärkt
in Aktien anlegen, scheint ein neuer Typ von "Finanzkapital"
heran zu wachsen, der die Banken und Versicherungen von ihrer vormaligen
Vorrangstellung verdrängt. Das täuscht. Wohl gibt es hochspezialisierte
"Finanzdienstleister"und geht die Spezialisierung in der Finanzdienstleistungs"industrie"
voran - allerdings auch die Konzentration. Daneben ist auch ein deutlicher
Trend zur Bildung von großen "Allfinanzkonzernen" zu beobachten,
die als eine Art von Finanzkonglomeraten, so gut wie jedes Finanzgeschäft
betreiben, d. h. unter anderem auch Fondsgeschäfte, in der Regel
Fondsmanagement.
Die Fondsökonomie, obwohl sie auf das Netzwerk der internationalen
Finanzmärkte angewiesen ist, kann man kaum als ein "globales"
Phänomen betrachten. Insbesondere der sogenannte PensionsfondsKapitalismus
ist in der Hauptsache angloamerikanisch. Die drei größten Ökonomien
Europas, Deutschland, Frankreich, Italien, haben nur einen schwach entwickelten
bzw. kaum vorhandenen Pensionsfondssektor. Einige kleinere europäische
Länder wie die Niederlande und die Schweiz haben dagegen beträchtliche
Fondsökonomien, die an die britische heranreichen bzw. sie noch übertreffen.
Weltweit ist im Moment nur die Propaganda für die schöne neue
Welt der Fonds. Im Kontext der Propaganda spielen auch einige eher exotische
Länder wie Chile eine Rolle: Dort wurde 1981 unter der Militärdiktatur
und unter direkter Einmischung des IWF und der Weltbank eine Rentenreform
durchgezogen, die in ihren Grundzügen in der Tat dem sogenannten
WeltbankModell privatisierter sozialer Sicherungssysteme entsprach. Chile
bekam ein teils öffentliches, teils privates System von kapitalgedeckten
Rentenversicherungen (kurz Pensionsfonds) verordnet. Nicht gerade ein
Modell für demokratische Länder.
2. Warum die Fonds so wichtig sind
In den USA, dem gelobten Land der Fondsökonomie, wurde der erste
mutual funds (Investmentfonds) 1924 gegründet, die ersten Pensionsfonds
entstanden Ende der 40er Jahre, betriebliche Rentenfonds kurz darauf (z.
B. 1950 bei General Motors), die ersten hedge funds (Risikoanlagenfonds)
traten in den 60er Jahren hervor. Vorläufer, erste Ansätze gab
es schon früher, aber der eigentliche Aufschwung der Fonds begann
erst in jüngster Zeit: Nicht nur die Zahl (mehrere Hunderttausend
in den USA), auch die Größe der Fonds ist seit Anfang der 80er
Jahre explosionsartig gewachsen. Einige große Fonds hatten in den
90er Jahren Wachstumsraten von 2000 oder 3000% zu verzeichnen.
Das Wachstum der Fonds hat die Vermögensstruktur radikal gewandelt:
Wiederum in den USA, dem klassischen Land des FinanzmarktKapitalismus,
besaßen 1950 noch die privaten Haushalte 91% aller Dividendenpapiere,
während auf die Pensionsfonds im selben Jahr weniger als 1% davon
entfielen. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre dagegen besaßen
und kontrollierten die institutionellen Anleger (die Pensions und Investmentfonds
voran) fast die Hälfte aller USamerikanischen Dividendenpapiere,
auf die Privathaushalte entfielen unter 48%. Die Aktienmehrheit der 1000
größten USamerikanischen Aktiengesellschaften wurden von institutionellen
Anlegern gehalten, ganz ähnlich wie das auch in Großbritannien
und Kanada der Fall ist.
Im Jahre 1993 betrugen die Aktiva der Pensionsfonds weltweit zusammen
etwa 10 Billionen USDollar, von den sich gut 6 Billionen in den Händen
USamerikanischer Pensionsfonds befanden, 750 Milliarden Dollar in Händen
britischer Pensionsfonds und noch einmal rund 700 Milliarden Dollar in
Händen niederländischer Pensionsfonds. Das war mehr als der
Marktwert aller Fonds, die an den Börsen von London, New York und
Tokio notiert werden, zusammen genommen. Die Wertpapierkäufe und
verkäufe der USamerikanischen und britischen Pensionsfonds machten
jeweils gut 30%, also fast ein Drittel des gesamten Aktienhandelsvolumens
sowohl an der New Yorker als auch an der Londoner Börse aus (vgl.
Minns 1996, 385f). Die Aktiva der Pensionsfonds zusammen genommen belaufen
sich in den USA auf etwa 60% des BIP, in Großbritannien auf etwa
70%, in Deutschland allerdings beträgt ihr Volumen nicht mehr als
3% des BIP (Zahlen aus den Jahren 1995 /1998, siehe Clark 1998, 3f). Wenn,
wie das in den USA vorkommt, eine Handvoll Pensionsfonds 70% oder mehr
der Aktien aller Unternehmen in einer bestimmten Branche in ihren Portfolios
halten, dann können ihre Manager mit Fug und Recht behaupten: "Le
marché, c'est nous" (Wir sind der Markt).
Jahrzehntelang waren sie überwiegend konservative Anleger, die typischerweise
lieber Staatspapiere als Aktien kauften und diese auch langfristig in
ihrem Portfolio behielten, statt damit zu handeln. Heute werfen sie sich
in wachsendem Maße auf kurzfristige Anlagen, sie haben gelernt,
von einem Finanzmarkt zum anderen, von einer Anlageform zur nächsten
zu springen. Sie sind, mit dem enormen Gewicht der Kapitalien, die sie
in die Börsenschlacht werfen können, zu Anlegern geworden, die
auf den meisten Spekulationswellen mit zu reiten versuchen, wenn sie sie
auch selten selbst in Gang setzen. Die Fonds haben sich - nicht zuletzt
unter dem Einfluß der externen Fondsmanager (der Treuhand oder Vermögensverwaltungsgesellschaften)
- immer mehr auf die Jagd nach dem kurzfristigen Börsenerfolg, also
nach Kursgewinnen begeben. Die durchschnittliche Dauer der Periode, während
der Pensionsfonds Wertpapiere in ihren Portfolios behielten, betrug in
den 80er Jahren noch 7 Jahre, sie ist heute auf knapp 2 Jahre gesunken
(das betrifft, wohlgemerkt, alle Wertpapiere, die die Fonds besitzen,
die Beschleunigung des Aktien"umschlags" ist erheblich grösser).
Sie haben sich, nachdem im Zuge der "Liberalisierung" und Privatisierung
etliche der strengen Anlageregeln, die jedenfalls für öffentliche
Pensionsfonds galten, aufgehoben worden sind, internationalisiert. In
jüngster Zeit hat sich eine wachsende Zahl von USamerikanischen,
britischen, niederländischen usw. Pensionsfonds auf die internationalen
Finanzmärkte begeben, um dort mitzumischen. Der Anteil der Aktien
(Dividendenpapiere) an den Portfolios der Fonds hat sich in den 90er Jahren
in den OECD Ländern kräftig erhöht (von 38% im Jahre 1990
auf heute über 55%). Britische Fonds stecken im Durchschnitt 80%
ihres Anlagevermögens in Aktien und andere Dividendenpapiere - rund
20% entfallen heute im Durchschnitt auf ausländische Aktien. Ein
ähnlicher Trend - hin zu mehr und mehr ausländischen Dividendenpapieren
lässt sich auch für die Fonds in anderen OECD Ländern konstatieren.
Wenn die Fonds von ihrem wachsenden Aktienbesitz profitieren und vor allem
auch Kursgewinne rasch versilbern wollen, dann sind sie auf große
und liquide Finanzmärkte mit einem möglichst großen Handelsvolumen
angewiesen. Folglich hängen Wachstum der Fonds und die Entwicklung
der internationalen Finanzmärkte zusammen. Die Fonds, wie die Fondsmanager,
gehören zu den eifrigsten Propagandisten einer Politik für die
"Finanzmärkte".
3. Wie funktionieren Fonds
Klassische Investmentfonds sind reine Kapitalsammel und anlagegesellschaften.
Sie werden von mehr oder weniger professionellen Managern geführt,
die das bei möglichst vielen Privatanlegern eingesammelte Kapital
möglichst gewinnbringend einzusetzen versuchen.
Neben den alteingesessenen Banken und den Versicherungen sind die Fonds
heute die wichtigsten institutionellen Anleger, die sich ganz und gar
auf das Anlagegeschäft spezialisiert haben.
In der heutigen Welt der Fondsökonomie sind es die Intermediäre,
die Vermittler, die das Feld beherrschen. Die Vermittler sind heute spezialisierte
"Finanzdienstleister", die auf der einen Seite für die
Fonds neue Mitglieder und Beitragszahler heranschaffen, auf der anderen
Seite das Fondsvermögen verwalten, d. h. dafür sorgen, dass
sich die angesparten Gelder in Kapital verwandeln und Profit tragen. Ein
typischer Intermediär verhandelt mit Unternehmen und / oder Gewerkschaften
über die Aufnahme neuer Mitglieder, er entwickelt neue Pensionspläne
und wirbt dafür Kunden - bei den Unternehmen, Unternehmensverbänden,
Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften. Gleichzeitig entwickelt er
Anlagestrategien für die vorhandenen Fondsgelder, berät die
Fonds bzw. deren Manager, führt die entsprechenden Transaktionen
durch - oft genug dank der weitgehenden Vollmachten, die er als Treuhänder
fremden Vermögens erhält. Intermediäre Finanzdienstleister
sind es auch, die bei der Gründung neuer bzw. bei der Fusion alter
Fonds ihre Hände sehr sichtbar im Spiel haben. In den Händen
der Vermögensverwalter oder Treuhänder konzentriert sich eine
ungeheuere finanzielle Macht: Eine kleine, aber feine Gruppe von Vermögensverwaltungs
oder Treuhändergesellschaften hat es in den vergangenen Jahren verstanden,
einen immer größeren Teil des Marktes, den die Anlage suchenden
Gelder der Pensionsfonds bilden, unter ihre Kontrolle zu bringen. Die
drei weltweit größten PortfoliomanagementGesellschaften, Fidelity,
AXA und Barclays, verwalten heute zusammen ein Pensionsfondsvermögen
von mehr als 2, 75 Billionen USDollar, das ist ungefähr ebenso viel
wie das britische und französische Bruttosozialprodukt zusammen.
In den USA werden von den 10 grössten Fondsmanagementgesellschaften
1, 5 Billionen Dollar an Pensionsfondsvermögen (von insgesamt gut
6 Billionen) verwaltet. In allen Ländern, wo die Fondsökonomie
blüht, hat die Konzentration im Fondsgeschäft dazu geführt,
dass eine kleine Gruppe von Fondsmanagementgesellschaften die Masse der
Fonds wenigstens indirekt beherrscht, indem sie den Kurs, die jeweils
beste Anlagestrategie vorgeben, der die anderen folgen. Unterhalb dieser
Topliga der Großen herrscht allerdings eine mörderische Konkurrenz:
Externe Fondsmanager werden heute von den Fonds nur für kurze Zeit
(zwei bis drei Jahre) angeheuert und nach dem kurzfristigen Erfolg beurteilt.
Bleiben sie hinter den Erwartungen zurück, wechselt der Fonds blitzschnell
zu einer anderen Managementgesellschaft. Von denen gibt es mehr als genug.
So weit, so gut bzw. so schlecht. Anders sieht die Sache aus, sobald über
Fonds und Verwertung des Fondskapitals durch Kapitalanlagen auf den Wertpapiermärkten
eine "Kapitaldeckung" für die Renten und Pensionen von
Leuten gesucht wird, die weder Geldvermögensbesitzer noch Kapitalisten
sind. Kapitaldeckung heißt nichts anderes als dass die laufenden
Rentenauszahlungen statt aus den laufenden Beitragseinnahmen aus den laufenden
Gewinnen finanziert werden, die der Fonds mit seinem aus Beiträgen
zusammen gesparten Kapital am Kapitalmarkt erzielt. Dazu ist alles recht:
Zinsen, Dividenden und natürlich auch Kursgewinne, soweit die sich
rasch versilbern lassen, ebenso wie reine Spekulationsgewinne.
Da nach der Logik eines kapitalgedeckten Fonds nicht das Fondskapital
zur Auszahlung der Renten und Pensionen dient, sondern ein Teil der Gewinne,
die damit gemacht werden, hat jeder Pensionsfonds Anlaufschwierigkeiten.
Das Kapital, wenn es nicht von großzügigen Spendern zur Verfügung
gestellt wird (historisch ist das ab und zu der Staat gewesen, aber es
gab auch private "Stifter"), muss erst einmal aus den laufenden
Monatsbeiträgen der Fondsmitglieder zusammengespart werden. Der Fonds
muss einige Zeit wachsen - an Mitgliedern und Beitragsaufkommen , bevor
er mit einer hinreichend grossen Kapitalmasse am Kapitalmarkt erscheinen
und mitmischen kann. Wiederum braucht es einige Zeit, bis die Gewinne
aus den Kapitalanlagen des Fonds gross und vor allem stabil genug sind,
um regelmäßig Renten und Pensionen auszahlen zu können
- für eine wachsende Zahl von Leuten, die das entsprechende Alter
erreicht bzw. die entsprechende Zahl von Jahren ihre Beiträge bezahlt
haben. In der Sprache der Fondsökonomie: Ein Fonds muss in die Reife
kommen. In der heutigen Welt der Fondsökonomie ist die Versuchung
übermächtig, diese Reifeperiode durch gewagte Börsenmanöver
abzukürzen.
Reine PensionsfondsSysteme gibt es nicht. Die privaten oder öffentlichen
Pensionsfonds, gleich ob betrieblich oder überbetrieblich, berufsgenossenschaftlich
oder sektoral organisiert, beruhen alle auf dem Unterbau einer staatlich
organisierten sozialen Sicherung für das Alter. Privatunternehmen,
auch und gerade in den USA , machen dankbar Gebrauch von der Grundlage,
die ihnen die mehr oder weniger allgemeine, staatliche Rentenversicherung
bietet. Die Pensionsfonds brauchen diese staatliche Grundsicherung für
das Rentenalter nur zu ergänzen. Enthusiasten der neuen Fondsökonomie
sollten sich klar machen, dass die Pensionsfonds allesamt nur ein, wenn
auch wichtiges Element in einem mehrgliedrigen System sind. In den USA,
in Großbritannien, in der Schweiz und in den Niederlanden beruht
die zweite und dritte "Säule" der Pensionsfonds bzw. der
privaten Lebensversicherungen auf der ersten Säule, die als mehr
oder minder allgemeine Volkspension ausgestaltet ist und nach dem Umlageverfahren
aus laufenden Beitragsaufkommen finanziert wird. Wer also ein PensionsfondsSystem
einführen und etwa die bundesdeutsche Rentenversicherung in Richtung
auf ein MehrsäulenSystem umbauen will, der sollte schon so konsequent
kein, auch und vor allem die Grundlage des ganzen, die Grundsicherung
im Alter für die gesamte Bevölkerung ein bzw. umzubauen. In
Deutschland hieße das: Abschied vom tradierten Modell der Gesetzlichen
Rentenversicherung zugunsten einer allgemeinen Volksrente oder pension
für jedermann und jedefrau, am besten vollständig steuerfinanziert
und an einem klar definierten sozialen Mindeststandard orientiert.
4. Stärken und Schwächen
Im Moment gilt die Privatisierung und der Übergang zu kapitalgedeckten,
also Fondssystemen, als Königsweg, ja sogar als einziger Weg der
anstehenden Rentenreform. Internationale Organisationen wie die Weltbank,
der IWF, die OECD sind sich da einig, wenn auch die IAO gelegentlich ein
paar skeptische Töne hören läßt. Die Befürworter
privater Pensionsfondssysteme behaupten, dass die Arbeitnehmer dank höherer
Renten und niedrigerer Beiträge profitieren würden, dass das
Rentensystem an "Effizienz" gewinnen und die nationale Sparquote,
mithin das Wirtschaftswachstum steigen würde. Nichts davon stimmt.
Es ist eine schlichte Legende, dass Pensionsfonds keinen demographischen
Risiken ausgesetzt wären. Wer so naiv ist zu glauben, die Aktien
und sonstigen Finanzmärkte hätten sich von der Welt der "realen"
Ökonomie auf Dauer abgekoppelt, wer die Warnungen nicht zur Kenntnis
nehmen will, die von der Serie grösserer und kleinerer Finanzkrisen
an den internationalen Finanzmärkten seit Anfang der 90er Jahre ausgeht,
der mag annehmen, der Börsenboom der letzten 8 Jahre werde unvermindert
und ungebremst immer weiter gehen. Ein auf lange Sicht eher sinkendes
Beitragsaufkommen und ein auf lange Sicht unweigerlich steigendes Volumen
von Pensionsverpflichtungen lassen sich von kapitalgedeckten Fonds nur
auffangen, wenn die Erwartung realistisch ist, dass die Kapitalmarkt"erträge",
die diese Fonds im Durchschnitt erzielen können, auf lange Sicht
ungebrochen steigen werden - und das nicht zu knapp. Zumindest müßten
die Anlageerträge (einschließlich der jeweils noch zu realisierenden
Kursgewinne) so schnell wachsen, dass sie die Beitragsausfälle ebenso
wie die Zunahme der Pensionszahlungen kompensieren könnten, und mehr
als das. Sonst geht es nämlich rasch ans "Eingemachte",
an die Substanz des mühsam angesparten Anlagekapitals des Fonds.
Wachstumsraten für die Kapitalmarkterträge von 7 - 9% pro Jahr
werden von Enthusiasten ohne weiteres angenommen. Das ist längerfristig
betrachtet völlig unrealistisch. Gewinne und Dividenden werden in
den hochentwickelten kapitalistischen Ökonomien auf absehbare Zeit
bestenfalls mit 1, 5 - 2% pro Jahr wachsen.
Natürlich gibt es für Pensionsfonds Methoden, sich einer
drohenden demographischen Lücke zu entziehen. Sie können ihre
Beiträge erhöhen, sie können versuchen, anderen Fonds die
Beitragszahler abspenstig zu machen, was sie ohnehin oft genug tun, sie
können die Höhe der ausgezahlten Renten senken oder alles zugleich.
Sie können - und das tun sie im Moment auf breiter Front - die Spielregeln
so ändern, dass die Beitragszahler und zukünftigen Rentner keinerlei
Garantien, keine Sicherheit im Blick auf die zu erwartende Rente mehr
haben. Sie können schließlich - und das haben die USamerikanischen
Fonds bereits vor Jahren vorexerziert - versuchen, mehr Gewinne zu machen,
d. h. größere Risiken in Kauf nehmen, die traditionelle Vorsicht
der meisten Fonds vor spekulativen Anlagen aufgeben.
Alle Fonds, also auch die Pensionsfonds haben mit Kapitalmarktrisiken
zu tun. Da man Aktien und Rentenpapiere nicht essen kann, müssen
die Portfolios der Fonds zu Geld gemacht, d. h. die dort deponierten Wertpapiere
wieder verkauft werden. Es gibt keine Garantie dafür, dass das gut
geht. Im Gegenteil. Pessimistische SzenarioSchreiber malen die Situation
aus, wo die Generation der babyboomer massenhaft in Rente und ans "Entsparen"
ihrer Pensionsfondsguthaben geht: Selbst wenn das in Zeiten einer günstigen
Börsenkonjunktur geschieht, die schiere Masse dürfte reichen,
den Markt umkippen zu lassen. Also werden nicht wenige mit herben Verlusten
rechnen müssen: Dank der massenhaften Verkäufe fallen die Kurse
und erweist sich das angesparte "Kapital" auf sehr drastische
Weise als das, was es ist - eine Fiktion (die allerdings im Kapitalismus
notwendig ist).
Daraus folgt, dass für Pensionsfonds ein "demographischer"
Schock, so es ihn gibt, sich unweigerlich auch bemerkbar machen muss.
Tatsächlich aber ist ein kapitalgedecktes und vom Kapitalmarkt abhängiges
Rentensystem noch weit fragiler und störanfälliger als ein Umlagesystem.
Woher kommt der gesellschaftliche Reichtum? Die Befürworter einer
Fondsökonomie stellen sich diese Frage nicht. Sie halten es für
selbstverständlich, dass Geldanlagen am Kapitalmarkt nun einmal "Erträge"
bringen so wie Obstbäume Früchte tragen. Schlechte Ernten sind
im Weltbild nicht vorgesehen. Wertschwankungen der diversen Anlagekapitale
auch nicht, Finanzkrisen noch weniger. Das umgekehrte Phänomen, eine
regelrechte Aktienkursinflation, die durch den Zustrom von anlagesuchenden
Pensionsgeldern aus aller Herren Länder leicht entstehen kann, können
sich zumindest einige der großen Investmentbanken durchaus vorstellen.
Die Fondsmanager interessieren sich in der Regel nicht für volkswirtschaftliche
oder weltwirtschaftliche Zusammenhänge, die sie nur so wahrnehmen,
wie es den gängigen Vorurteilen der Börsenprofis entspricht.
Effizient seien die Fonds, so heißt es, wenigstens im Vergleich
zu Umlagesystemen, einfach weil ihre "Rendite" höher ausfalle.
Das ist ein Märchen, tatsächlich empirisch nicht nachweisbar.
Für die Versicherten und die Rentner sind nicht die impliziten, fiktiven
Renditen in einem Umlagesystem im Vergleich zu den Aktienerträgen
eines kapitalgedeckten Systems interessant, sondern die Frage, ob und
wieweit beide Systeme in der Lage sind, Renten zu finanzieren, die mit
der allgemeinen Realeinkommensentwicklung Schritt halten können,
so dass Altersarmut in allen Formen vermieden wird. Das war das große
Thema der Rentenreformen der 60er und 70er Jahre. Ein kapitalgedecktes
System kann in dieser Hinsicht nur mithalten, wenn es den Versicherten
indexierte, an das Niveau des zuletzt verdienten Lohns oder des Lebensarbeitslohns
gekoppelte und garantierte Renten bietet. Das tun die allerwenigsten.
Bei Renditevergleichen werden obendrein in aller Regel die ganz erheblich
höheren Kosten eines privaten Fondssystems unterschlagen oder vergessen.
Die Transaktionskosten am Kapitalmarkt, die es für Pensionssysteme
im Umlageverfahren nicht gibt, betragen bei Investmentfonds heute etwa
1% des Transaktionsvolumens, manchmal mehr, die bei jeder Transaktion
fällig werden und daher immer wieder zu zahlen sind. Die Kosten für
Verwaltung, Werbung und Vertrieb sind in privaten Pensionsfondssystemen
in den meisten Fällen deutlich höher als in staatlichen Umlagesystemen
(z. B. in Chile 16% der Beitragseinnahmen, in den Niederlanden 21% gegenüber
von Kosten von rund 1, 2% in staatlichen Umlagesystemen) (vgl. Schmähl
1998, 266). Dazu kommen bei Banken, Versicherungen und Investmentfonds
zusätzliche Kosten in Höhe von 10% bis 15% des angesparten Kapitals,
die fällig werden, sobald ein Kunde sein Kapital in eine Leibrente,
also in eine regelmäßige, monatliche Zahlung in bestimmter
Höhe umwandeln will.
Wenn man vollentwickelte Pensionsfondssysteme wie in den USA als soziale
Sicherungssysteme betrachtet, also im Blick auf die Frage, wie sicher
und wie ausreichend die Renten sind, die ein solches System abwirft, wird
man eine herbe Enttäuschung erleben: Ein derartiges System verhindert
nicht nur keine Altersarmut, es erzeugt im Gegenteil wachsende Ungleichheiten
unter den Beschäftigten und den Rentnern.
Die Zahl der Arbeitnehmer, die überhaupt Mitglied in einem Pensionsfonds
sind, hat seit den 80er Jahren ständig abgenommen, sie ist heute
auf um die 35% abgesunken. In den Großunternehmen liegt der Prozentsatz
höher (bei etwas unter 50%), aber er hat auch dort sehr deutlich
abgenommen. Die Arbeitnehmer in den Mittel und Kleinbetrieben sind ganz
besonders benachteiligt, Pensionsfonds sind hier die große Ausnahme.
- Die Höhe der Renten, die von den Pensionsfonds in den 90er Jahren
ausgezahlt wurden, ist dermaßen niedrig, dass heute mehr als 57%
der über 65jährigen in den USA gezwungen sind, weiter zu arbeiten.
Die ausgezahlten Renten erreichen auch nach 30 Versicherungsjahren nicht
mehr als 29% bis 37% des zuletzt verdienten Lohns - im günstigsten
Fall. Und sie sind in ihrer Mehrzahl nicht stabil, sondern schwanken ständig,
wobei der Mittelwert der ausgezahlten Renten im Lauf der 90er Jahre unter
das Niveau von 1990 abgesunken ist.
Manager, auch Angehörige des mittleren Managements haben es in der
Regel besser als einfache Angestellte und Arbeiter. Erheblich mehr von
ihnen - bis zu 87% - sind Mitglied in einem Pensionsfonds, die Arbeiter
kommen auch in den florierenden Unternehmen der Autoindustrie nur auf
etwa 70%.
Je mehr man verdient, desto größer ist die Chance, Mitglied
in einem Pensionsfonds zu sein. Von den Niedriglöhnern sind nur verschwindend
kleine Gruppen (unter 3%) in Pensionsfonds aufgenommen, von den Arbeitnehmern
mit mittleren Jahreseinkommen immerhin bis zu 80%.
Diese Schwächen sind nicht erst seit gestern bekannt. Sie werden
eher durch die Propaganda der Finanzdienstleistungs"industrie"
zugedeckt, statt ernsthaft erörtert. Noch vor 20 Jahren wurden die
Pensionsfonds nach angelsächsischem Muster als eher kränkliche,
reformbedürftige Notbehelfe betrachtet, da sie erwiesenermaßen
das Problem der Altersarmut keineswegs beseitigen konnten. Beitrags oder
steuerfinanzierte Umlagesysteme galten dagegen als vorbildlich und krisenfest.
Es ist ein schlichter Irrtum, zu glauben, die Fondsökonomie käme
ohne den Staat bzw. mit weniger Staat aus. Die Fonds blühen in allen
Ländern nur dank ständiger, massiver Staatshilfe, d. h. nur
dort, wo der Staat mit Steuersubventionen beispringt und das "Sparen"
in einem Pensionsfonds durch implizites Steuersparen kräftig unterstützt.
Das gilt gleichermassen für die Beiträge der versicherten Arbeitnehmer
wie für die Arbeitgeberbeiträge, soweit vorhanden. Wer eine
Masse von Normalverdienern dazu bringen will, sogenannte "private
Vorsorge" zu treiben, d. h. regelmäßig einen Teil ihres
laufenden Verdienstes für Lebensversicherungen oder Pensionsfondsbeiträge
auszugeben, der muss den "Sparern" schon ein paar Steuererleichterungen
gewähren, damit sie sich das "Sparen" leisten können.
Hans Eichel hat diese Lektion rasch gelernt. Es handelt sich zwar nicht
um Zwangssparen, aber wenigstens doch um ein vom Staat mit kräftigen
Lockmitteln und mit wirksamen Drohungen wie der Senkung des Rentenniveaus
in der GRV in Gang gesetztes Sparen.
Immer wieder wurden und werden marode Pensionsfonds vom Staat gerettet.
Zwei Beispiele aus den USA: Während der Grossen Depression wurde
der damals größte Pensionsfonds, der der Eisenbahner, nur dadurch
vorm Bankrott gerettet, dass die USBundesregierung seine finanziellen
Verpflichtungen übernahm. Noch heute bildet der Railroad Retirement
Act einen kuriosen, aber integralen Bestandteil des Social Security Act
von 1935. Während der MexikoKrise Anfang der 90er Jahre war die USBundesregierung
mitsamt der Zentralbank wieder zur Stelle. Diesmal um Pensionsfonds vor
dem finanziellen Ruin zu retten, die sich auf dem mexikanischen Markt
in Gefahr begeben hatten und darin unter zu gehen drohten. Da der USamerikanische
Staat die Pensionsfonds erst dereguliert und dann die nordamerikanischen
Kapitalmärkte bzw. den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr
nach Kanada und Mexiko liberalisiert hatte, konnte er kaum anders als
einzugreifen. Ein Bankrott einiger großer Pensionsfonds wäre
in der Tat eine Katastrophe gewesen - nicht zuletzt, weil die größten
und mittlerweile auch unternehmenslustigsten Fonds in den USA Leuten aus
dem öffentlichen Dienst (Lehrern, Krankenhauspersonal, Polizisten
usw. ) gehören.
Schließlich brauchten und brauchen die Pensionsfonds den Staat als
Schuldner bis zum heutigen Tag. Die stabilste und mit Abstand sicherste
Geldanlage, die die Fonds kennen, ist noch stets die Anlage von Fondsvermögen
in fest verzinsten Staatsschuldpapieren. Ein gutes Drittel und mehr der
Fondsgelder wird noch heute so angelegt. Das ist eigentlich gar keine
schlechte Sache, auch wenn der Witz den meisten Leuten entgeht: Die versicherten
Arbeitnehmer finanzieren mit ihren Pensionsbeiträgen die Staatsschuld,
indem ihre Pensionsfonds Staatsschuldpapiere kaufen; aus den laufenden
Zinszahlungen für diese Staatspapiere werden Renten und Pensionen
bezahlt, so dass wir im Kern doch und immer noch ein steuerfinanziertes
Rentensystem haben und einen Großteil der laufenden Rentenauszahlungen
in jedem Jahr aus den laufenden Steuereinnahmen desselben Jahres bestreiten.
5. Pensionfonds - Kapitalismus und/oder Sozialismus
Wer kontrolliert hier eigentlich wen? Idealiter die Fondseigentümer
die von ihnen angestellten und bezahlten Fondsmanager, die Fondsmanager
die Manager anderer Aktiengesellschaften und sonstiger Unternehmen, deren
Aktien und /oder Obligationen sie besitzen.
Tatsächlich sind die Fondsmanager weitgehend unter sich. Es sind
Vermögensverwalter, die anderer Leute Geld verwalten, oftmals ohne
direkte Gewinnabsicht. Allerdings kann sich das durch die Einführung
entsprechender Entlohnungssysteme wie z. B. die heute sehr beliebte Bezahlung
mit Aktienoptionen rasch ändern. Solche Fondsmanager brauchen Analysten,
sie brauchen Börsenhändler, sie brauchen andere Fondsmanager.
Beitragszahler sind immer willkommen, solange sie zahlen und den Mund
halten. Rentner sind in dem Maße unbeliebt, wie sie Ansprüche
stellen oder gar auf Garantien pochen. Wenn man also unbedingt die alte
These vom ManagerKapitalismus und der Herrschaft der Manager wieder aufwärmen
will: Im gegenwärtigen Kapitalismus gibt es in der Tat eine neue
Gruppe von Managern, die Fondsmanager oder Vermögensverwalter oder
Treuhänder, die sich im Aufstieg befindet. So gut wie alle diese
Manager sind auch Kapitalisten, Besitzer großer Geldvermögen,
die sie wiederum durch Fonds und deren Manager verwalten und verwerten
lassen. Da es ja immer schön ist, wenn man Beruf und Hobby vereinen
kann, tun viele von ihnen das auch selbst.
Aber lassen wir uns nicht entmutigen. Denken wir doch einfach mal, wie
auch Michel Aglietta das jüngst vorgeschlagen hat, die Logik der
Pensionsfonds zu Ende. Wenn die Fonds de iure über Kapital verfügen,
das ihnen nicht gehört, dann könnte man auf die Idee kommen,
die Eigentümerrechte der Fondsmitglieder gegen die Verfügungsgewalten
der Fondsmanager ins Spiel zu bringen.
Läßt sich die Welt der Fonds in der Tat demokratisieren? Sicher,
wenn man vor einigen drastischen Eingriffen in bestehende Eigentumsrechte
nicht zurückscheut. Denn genau besehen, handelt es sich hier um ein
Prinzipal - Agent Problem: Wie kann der nominelle Eigentümer, der
ganz gewöhnliche Arbeitnehmer und zukünftige Rentner, den nominell
für ihn und in seinem Auftrag tätigen PensionsfondsManager bzw.
den Manager einer Vermögensverwaltungsgesellschaft, die im Auftrag
"seines" Fonds tätig wird, dazu bringen, das zu tun, was
er will? Wie kann der "Prinzipal" wissen, was er will, wenn
ihm / ihr die Transaktionen an den Finanzmärkten ein Buch mit sieben
Siegeln sind und sein "Agent" ihn/sie im Ungewissen läßt?
Nun, sie können sich darauf besinnen, ihre Eigentümerrechte
gegenüber den Fondsmanagern geltend zu machen, indem sie ihre eigenen,
gewählten Interessenvertreter in die Aufsichtsräte der Fonds
schicken bzw. ihre bereits vorhandene Interessenvertretung, also die Gewerkschaften,
ermächtigen, dort nach dem Rechten zu sehen. Da ein "demokratisierter"
Fonds, in dem Beitragszahler und die Rentner Sitz und Stimme, eindeutig
definierte und nicht zu umgehende Mitbestimmungsrechte haben, nicht bei
jeder Anlageentscheidung ein Plebiszit veranstalten kann, empfahl und
empfiehlt es sich, Anlagerichtlinien zu formulieren, an denen sich die
Fondsmanager zu orientieren haben und an denen ihre Anlageentscheidungen
gemessen werden können. Derartige Anlageregeln gibt es seit langem
in den meisten Ländern in vielen Formen; etliche davon sind gerade
in jüngster Zeit, im Zuge der "Liberalisierung" und "Deregulierung"
abgeschafft worden. Vielem davon sollte man keine dicken Tränen nachweinen.
Warum sollten Pensionsfonds nicht auch, in Grenzen, ihre Gelder in Aktien
und in ausländischen Wertpapieren anlegen dürfen, solange sie
insgesamt eine vernünftige Anlagestrategie verfolgen?
Die neuen Anlagerichtlinien für "demokratisierte" Fonds,
wie sie in der USamerikanischen (aber auch in der niederländischen)
Diskussion schon hervorgetreten sind, sollen vor allem der dominanten
Orientierung auf die kurze Frist und auf die Steigerung des Börsenwerts,
also die heutige, mit dem "shareholdervalue" gemeinte spekulative
Haltung der meisten Fondsmanager entgegen wirken. Also liegt der Akzent
auf längeren Zeithorizonten für die Fondsmanager und der Einführung
zusätzlicher Kriterien oder eines reicheren Katalogs von Investitionsrichtlinien,
die z. B. auch umweltpolitische und Beschäftigungsziele enthalten.
Als Großaktionäre vieler Unternehmen, so eine weitere Überlegung,
sollten die Fonds sich in die Geschäftspolitik einmischen - für
die Stärkung von gewerkschaftlichen Vertretungsrechten, gegen Fusionen
und Übernahmen, gegen Bezahlung der Manager mit Aktienoptionen. Plädiert
wird darüber hinaus auch für die Gründung eigener gewerkschaftlicher
Pensionsfonds, die die geballte finanzielle Kraft der Mitglieder einsetzt,
um eine an deutlichen gesellschaftspolitischen Kriterien orientierte Anlagepolitik
zu betreiben, sozusagen als gutes Beispiel, mit dem solche Fonds vorangehen
und andere Fonds beeinflussen können, wenn sie nur groß genug
sind. In der Bundesrepublik wäre natürlich die IGMetall durchaus
in der Lage, einen eigenen Pensionsfonds für alle Metaller zu organisieren,
um damit zumindest in einigen Bereichen Einfluß auf die Investitionspolitik
zu nehmen. Für gewerkschaftliche Fonds empfiehlt sich eine Form,
in der die Fondsmanager durch "defined benefits" (garantierte
Renten) gebunden und die Beitragszahler durch klar definierte Einspruchs
und Mitbestimmungsrechte gestärkt werden. Da die Fonds gerade nicht
dazu da sind, maximale Gewinne zu erwirtschaften, also als nonprofit Organisation
betrieben werden können, ist eine risikoscheue, konservative Anlagepolitik
durchaus zu vertreten. Mit einer - wichtigen - Ausnahme. Nach wie vor
dominiert in den kapitalistischen Industrieländern, auch in den USA
mit ihrem absolut und relativ sehr viel größerem Kapitalmarkt,
die Selbstfinanzierung von Investitionen aus Reserven und Eigenmitteln
der Unternehmen. Nach wie vor werden aber auch viele kleine und mittlere
Unternehmen, vielerlei private und öffentliche Projekte, die Geld
brauchen (zumindest für eine Anschubfinanzierung), von den traditionellen
Finanzinstituten (Banken, Versicherungen, Finanzmärkten) nicht bedient.
Gewerkschaftliche Fonds von hinreichender Größe könnten
das aber sehr wohl tun und damit die bisherige Logik der Kapitalmärkte
- Geld bzw. Kredit bekommt nicht der, der es braucht, sondern der, der
eigentlich schon mehr als genug hat - zu durchbrechen.
Das Ganze steht und fällt mit den Rechten, die die Mitglieder der
Fonds bekommen. Was nützen die schönsten Investitionsrichtlinien,
wenn die Fondsmanager im Zweifelsfall doch machen können, was sie
wollen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Diese Rechte
zu kodifizieren und durchzusetzen, das wäre in der Tat eine "PensionsfondsRevolution".
Ohne politischen Streit und Kampf, heimlich, still und leise wird die
allerdings nicht zu haben sein.
Hervorhebungen:
Der Pensionsfonds-Kapitalismus scheint daher ein Kapitalismus ohne Kapitalisten
zu sein. Irgend etwas stimmt hier nicht.
Die Befürworter privater Pensionsfondssysteme behaupten, dass die
Arbeitnehmer dank höherer Renten und niedrigerer Beiträge profitieren
würden, dass das Rentensystem an "Effizienz" gewinnen und
die nationale Sparquote steigen würde. Nichts davon stimmt.
Wer eine Masse von Normalverdienern dazu bringen will, sogenannte "private
Vorsorge" zu treiben, der muss den "Sparern" schon ein
paar Steuererleichterungen gewähren, damit sie sich das "Sparen"
leisten können.
Wenn die Fonds de iure über Kapital verfügen, das ihnen nicht
gehört, dann könnte man auf die Idee kommen, die Eigentümerrechte
der Fondsmitglieder gegen die Verfügungsgewalten der Fondsmanager
ins Spiel zu bringen.
Was nützen die schönsten Investitionsrichtlinien, wenn die Fondsmanager
im Zweifelsfall doch machen können, was sie wollen und nicht zur
Rechenschaft gezogen werden können.
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