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Terror
& Krieg
Einleitung zum Heftschwerpunkt
von
Horst Peter und Reinhold Rünker
Horst Peter, Mitherausgeber
der spw und Vorsitzender des Vereins zur Förderung von Demokratie
und Völkerverständigung, lebt in Kassel
Reinhold Rünker, Organisationsberater, Mitglied der spw-Redaktion,
lebt in Leichlingen
Ist seit dem 11. September wirklich alles
anders geworden? Diese Frage ist nur zu beantworten, wenn wir die verschiedenen
Problembereiche entmischen, um sie kritisch zu analysieren und dann neu
zusammenzusetzen.
Im Gegensatz zu früheren Formen politischer Gewalt, der sich zumeist
gegen ausgewählte Repräsentanten des zu bekämpfenden Systems
richtete, hat sich im letzten Jahrzehnt verstärkt eine Strategie
entwickelt, bei der es um eine möglichst große Zahl von Opfern
unter geplanter Inkaufnahme des eigenen Todes geht. Im Mittelpunkt steht
nicht der Anschlag, mit dem eine politische Forderung (welcher Natur auch
immer) durchgesetzt werden soll, sondern der Akt der Opferung selbst wird
zum Fokus des Attentats. Politische Gewalt wird zu Terrorismus, wo die
Zerstörung von möglichst vielen Menschenleben die eigentliche
Botschaft wird. Wohnte ersterem eine wenn auch verquere und menschenverachtende
vorgebliche Rationalität inne, so dominiert in zweitem die Irrationalität
einer religiösen Mystifizierung. Die Selbst- und Massentötung
wird als heilsbringender Opfergang der Attentäter zelebriert und
wirbt so um Anerkennung ihrer Zielgruppen. Dieser Terrorismus rekrutiert
seine Anhänger aus der Erfahrung des Elends der Flüchtlingslager,
gekoppelt mit dem Gefühl der Demütigung durch die Weltmächte
- ohne dass ihre Akteure (wie bei den mutmaßlich Beteiligten am
World-Trade-Center Attentat) selbst aus elenden Verhältnissen kommen
müssen. Stattdessen scheint es sich nicht selten um studierte und
finanziell gutgestellte Personen zu handeln. Denn dieser Terrorismus ist
keine spezifische Folge der Armut der Völker im Zeichen der Globalisierung,
sondern nutzt Armut und Verzweifelung als Katalysator für religiös
oder auch machtpolitisch begründete Ziele.
Der aktuelle Kampf bin Ladens richtet sich denn auch weniger gegen die
ökonomische Ausbeutung, für die der kapitalistische Westen Verantwortung
trägt, sondern gegen die islamische Welt, die die Präsenz des
Westens auf ihrem Hoheitsgebiet zulässt. Es ist also weniger ein
Kampf gegen die Knute der Unterdrückung, sondern darum, wer diese
Knute führt.
Insofern ist die Einbindung islamischer Staaten wie Pakistan oder sogar
auch Iran in eine globale "Anti-Terror-Strategie" unerlässlich,
jedoch mit der bislang von den USA verfolgten "Schurkenstaaten-Strategie"
nicht vereinbar. Und das nun geschmiedete Bündnis ist im höchsten
Maße widersprüchlich, stützt es doch einerseits moralisch
höchst zweifelhafte Systeme, während andererseits nicht ausgeschlossen
ist, dass damit nicht genau das herauf beschworen wird, was verhindert
werden soll, nämlich eine weitere Destabilisierung der Regionen,
etwa durch die Machtübernahme radikaler Islamisten in Pakistan oder
die Ausweitung der Grenzkonflikte zwischen Pakistan und Indien.
Zwei Kriege in drei Jahren
Die Bundesrepublik steht jetzt also vor ihrer zweiten aktiven Kriegsbeteiligung
binnen dreier Jahre. Die "uneingeschränkte Solidarität",
die Bundeskanzler Schröder nach den Terroranschlägen auf das
World-Trade Center dem US-Präsidenten Georg W. Bush zugesagt hatte,
die Beschlussfassung über den Bündnisfall, der Beginn der Bombardements
Afghanistans am 07. Oktober mündete zum Redaktionsschluss dieser
Ausgabe in die Pressekonferenz des Bundeskanzlers, mit der er die Bereitstellung
von knapp 4000 deutschen Soldaten für den Einsatz im Krieg gegen
Afghanistan ankündigte, um den Bündnisverpflichtungen der USA
nach zu kommen.
Die Gründe gegen die Bereitstellung deutscher Soldaten sind gewichtig.
Felix Welti formuliert in einer eMail-Aktion an sozialdemokratische Abgeordnete
am 07.11.2001 drei Aspekte:
"1. Durch die Weite des von der Regierung verlangten Mandats werden
die Entscheidungsrechte des Bundestags für diese Wahlperiode ausgehebelt.
Rücksichtnahme auf kritische Stimmen aus SPD und Grünen ist
nach diesem Beschluss nicht mehr zu erwarten.
2. Die Wirksamkeit des Krieges in Afghanistan als Verteidigung oder Prävention
gegen Terrorismus ist nicht erkennbar. Vielmehr ist zu befürchten,
dass das Kalkül der Urheber der Anschläge aufgegangen ist, USA
und NATO zum Krieg zu provozieren, Fronten aufzubauen und die eigene Basis
in den islamischen Ländern zu stärken. Es ist zu befürchten,
dass der islamistische Terrorismus gestärkt aus diesem Krieg hervorgeht.
3. Die innerhalb von SPD und Grünen diskutierte Strategie einer Eindämmung
des Krieges durch Beteiligung und Mitentscheidung wirkt zur Zeit nicht
erfolgreich. Was Gerhard Schröder vorgetragen hat, lässt nicht
erkennnen, dass eine räumliche oder zeitliche Begrenzung der Militäreinsätze
in Sicht ist."
Gegen die Beteiligung deutscher Soldaten am Krieg in Afghanistan zu sein
bedeutet nicht, sich dem St.-Florians-Prinzip hin zu geben, sondern verknüpft
sich mit grundsätzlichen Überlegungen, deren wesentlichste aus
der Frage geboren ist, ob sich die Logik des Terrors durch die des Krieges
brechen lässt. In allen Beiträgen, die wir in diesem Schwerpunkt
versammelt haben, ist die Antwort eindeutig "Nein". Um zu diesem
Ergebnis zu kommen, bedarf es nicht einmal einer pazifistischen Grundhaltung,
es genügt eine nüchterne Betrachtung der "Gefechtslage".
Trotz wochenlanger Bombardierung Afghanistans unter Inkaufnahme des Todes
von bald Tausend Zivilisten ist völlig unklar, welche Schäden
den Taliban und den Kämpfern bin Ladens wirklich zugefügt wurden.
Die Geländegewinne der Nord-Allianz waren bislang marginal, und was
würde passieren, wären sie erfolgreicher? Bis heute hat der
Krieg gegen Afghanistan mehr dazu beigetragen, dass sich weitere Tausend
islamische Kämpfer den Taliban anschließen. Wollten NATO und
USA Afghanistan wirklich erobern, müssten sie sich auf einen jahrelangen
Kampf wie in Vietnam gefasst machen. Der Terroranschlag hätte dann
ein allseits angenommenes Ziel erreicht, nämlich die Westmächte
in einen langen, zermürbenden Krieg mit unzähligen Toten auf
allen Seiten zu ziehen.
Es ist deshalb eher die Zeit für eine Waffenpause als für die
Bereitstellung weiterer Soldaten und Kriegsmaterialien, seien sie aus
Deutschland, England oder sonst wo her.
Bedürfnis nach Sicherheit
Krieg und Terror führen zu erheblichen Verunsicherungen auch in den
Ländern, die nicht unmittelbar an den militärischen Aktionen
beteiligt sind. Hinzu kommt, dass der Terrorismus nicht mit Händen
greifbar, aber trotzdem allgegenwärtig zu sein scheint. Die Aufregungen
um tatsächliche und vermeintliche Milzbrandanschläge zeugen
davon.
Die reale Angst der Menschen verlangt Sicherheit nach innen und außen.
Aber wie ist innere Sicherheit mit einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung
vereinbar zu halten? Die Wege, die sowohl in den USA als auch aktuell
in Deutschland beschritten werden, scheinen uns eher das Pendel hin zum
Abbau von Freiheitsrechten ausschlagen zu lassen, ohne dass dadurch jedoch
wirklich Sicherheit erhöht würde.
Ein Grundproblem liegt unseres Erachtens darin, dass Politik zu stark
auf fehlerempfindliche Großstrukturen orientiert, seien es technikstarrende
Verteidigungssysteme beim Militär, Polizei oder Geheimdienste, sei
es aber auch die der sozioökonomischen Landschaft. Wir müssten
uns mehr um die Verwandlung unwirtlicher Strukturen der großen Städten
in Sozialräume bemühen, in den die personale Präsenz von
Polizei Sicherheit signalisiert. Überschaubare Strukturen, bekannte
Gesichter schaffen mehr Sicherheit als Großflächigkeit und
Anonymität technischer Kontrollsysteme.
Konsequenzen aus der Solidarität
Nach den Anschlägen hat es gute Gründe gegeben, den USA Solidarität
auszusprechen. Dies erforderten allein schon Respekt und Mitgefühl,
die in erster Linie aber den Opfern und ihren Angehörigen zu entbieten
sind. Die Qualität einer Zivilisation bemisst sich schließlich
auch darin, wie sie in der Lage ist, kollektive Trauer für individuelles
Leid auszudrücken. Davon zu trennen ist jedoch die Abgabe von Versprechen
etwas zu leisten, von dem niemand weiß, welche Konsequenzen dies
haben wird.
Strategisch mochte es außenpolitisch für den Bundeskanzler
Sinn gemacht haben, den USA die "uneingeschränkte Solidarität"
Deutschlands zuzusagen und damit die Bündnisverpflichtungen vorab
zu antizipieren gemäß dem Motto, nur wer mit im Boot sitzt,
kann auch über den Kurs mitbestimmen. Tatsächlich waren die
Sorgen groß, dass die außenpolitisch noch nicht sehr erfahrene
Bush-Administration zu hektischen Gegenschlägen und zum nach innen
gerichteten Unilateralismus neigen könnte. Das öffentliche Signal,
das von der Bundesregierung ausging, war aber verwirrend. Sollte damit
bereits der Bündnisfall angenommen werden? Versuchte die Bundesregierung
- an den europäischen Partnern vorbei - sich bei der US-Regierung
"Lieb-Kind" zu machen? War es also nicht eher vorauseilender
Gehorsam als das Streben nach deutscher Großmannssucht, die Schröder
zu seiner Zusage trieb? Die immer währende sozialdemokratische Angst,
treulose, antiamerikanische Gesellen zu sein?
Aus einer devoten Haltung heraus kann natürlich auch kein freundschaftlicher
Druck ausgeübt werden, und erst Recht dann nicht, wann man die europäischen
Partner vor den Kopf stößt, in dem nur mit ausgewählten
Regierungschefs die enge Abstimmung gesucht wird. All dies zeigt auch,
dass die Europäische Union von einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik weiter entfernt denn je ist. So verwundert es letztlich
nicht, wenn die US-Regierung die Strategie eines "konsultierenden
Unilateralismus" anwendet und die Stimmen in den USA selber zunehmen,
die darauf setzen, den Krieg mit eigenen Bodentruppen selbst in die Hand
zu nehmen.
Dazu passen auch die Irritationen darüber, dass Schröder am
06.11. verkündet, die USA habe konkrete Bedarfsanforderungen an das
deutsche Militär gestellt, während sich gleichzeitig US-Verteidigungsminister
Rumsfield am 07.11. darüber sehr überrascht zeigt, man habe
lediglich über dieses und jenes gesprochen, aber auf keinen Fall
konkrete Bedarfsanforderungen gestellt. Heribert Prantl verglich das Vorgehen
des Kanzlers mit dem Bismarcks 1870, als er eine Depesche bewusst dramatisiert
an die Zeitungen gab, um eine kriegsgünstige Stimmung zu erzeugen.
Diese "Irritation" zwischen der US-Administration und der Bundesregierung
lüftete aber auch ein wenig den Schleier von der medialen Inszenierung,
die dieser Krieg mit sich bringt. Überhaupt sind es diese unerwarteten
Widersprüche und Kommunikationsbrüche, die eine kritische Öffentlichkeit
in die Lage versetzt, Fragen zu formulieren, und Gegen-Aufklärung
im besten Sinne zu organisieren. Nur wenn sich Risse in der Mauer der
"Sprachregelungen" zeigen, können Zweifel an der "Unabwendbarkeit
von Entscheidungen" artikuliert werden.
Literatur:
Ernst-Otto Czempiel, Die Globalisierung schlägt zurück (Langfassung),
FR vom 05.11.2001 (www.frankfurter-rundschau.de)
Kritische Interventionen 6 - Gewalt und Zivilisation in der bürgerlichen
Gesellschaft, Hannover 2001-11-07
Heribert Prantel, Der Ernstfall, SZ vom 08.11.2001, (www.sueddeutsche.de/deutschland/politik/29459/index.php)
spw-Schwerpunkt "Gewalt und Zivilisation", spw Heft 97 (5/97)
spw-Schwerpunkt "Schöne Neue Weltordnung", spw Heft 107
(3/99)
Marginalie:
Es ist eher die Zeit für eine Waffenpause als für die Bereitstellung
weiterer Soldaten und Kriegsmaterialien, seien sie aus Deutschland, England
oder sonst wo her.
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