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Attac
in kriegerischen Zeiten
Von
Christoph Bautz
Christoph Bautz,
lebt in Berlin
Die entsetzlichen Terroranschläge in den USA haben der durch die
Proteste in Genua angestoßenen Diskussion über soziale und
ökologische Gerechtigkeit im Globalisierungsprozess zusätzliche
Brisanz verliehen. Statt mit massiven Bombardements weiter an der Spirale
der Gewalt zu drehen, müssen die politischen und sozioökonomischen
Ursachen des Terrorismus bekämpft werden. Gerade diese Zusammenhänge
wird Attac vermehrt in die zunehmend kritischer werdende öffentliche
Diskussion einbringen.
Für Attac stellt sich nach den Terrorakten und den amerikanischen
Militärschlägen die Frage nach der weiteren strategischen Schwerpunktsetzung.
Die von Attac angestoßene Diskussion über die Einführung
der Tobin-Steuer auf europäischer Ebene und über die zunehmend
neoliberal geprägten Positionen der Grünen wurde jäh unterbrochen.
Gleichzeitig gewannen andere Diskussionsstränge zu Attac-Themen -
etwa über die Schließung von Steueroasen und die Entschuldung
der Entwicklungsländer - an öffentlicher Aufmerksamkeit. Mit
einem Brückenschlag zur wiedererstarkenden Friedensbewegung positioniert
sich Attac kritisch zu der militärischen Antwort auf die Terroranschläge.
Die sozioökonomischen Ursachen von Terrorismus bekämpfen
Attac sieht in der zunehmenden sozio-ökonomischen Ungleichheit in
der Welt, die durch die derzeitige Ausgestaltung des Globalisierungsprozesses
weiter verstärkt wird, einen entscheidenden Nährboden für
Gewalt. Der Anschlag bietet einen Vorgeschmack auf die Konflikte des 21.
Jahrhunderts. Die Illusion, die Metropolen könnten sich von den Problemen
des Rests der Welt abschotten und sich hinter einen sicheren Limes zurückziehen,
hat sich spätestens in den Rauchschwaden von New York und Washington
aufgelöst. Noch so ausgeklügelte Abhörpraktiken der Geheimdienste,
demokratische Grundrechte unterhöhlende Anti-Terror-Pakete und die
hochfliegenden Pläne für ein Hunderte Milliarden teures (und
praktisch wohl gar nicht zu realisierendes) Raketenschutzschild können
letztlich keine Sicherheit bieten. Die Verwundbarkeit der westlichen Nationen
durch Terrorakte fundamentalistischer Fanatiker in apokalyptischem Ausmaß
liegt auf der Hand.
Diesen Gefahren mit Reaktionsmustern und Denkstrukturen aus den Zeiten
des Kalten Krieges begegnen zu wollen offenbart, wie unflexibel die amerikanische
Administration in einer rein militärischen Logik verharrt. Eine Gewaltspirale
droht mit den derzeitigen Militärschlägen ausgelöst zu
werden, die einen Flächenbrand unvorstellbaren Ausmaßes nach
sich ziehen kann. Durch diese Eskalation der Gewalt kann erst eine massenhafte
Solidarisierung mit den Zielen der Terroristen und eine vermehrte Hinwendung
zum Fundamentalismus erfolgen, wie sie sich besonders in Pakistan, aber
auch in anderen Teilen der islamischen Welt schon abzeichnet.
Die Versäumnisse und Fehlentwicklungen im Zuge der neoliberalen Globalisierung
und die zunehmende Unterordnung der Politik unter das Diktat der Märkte
haben die Bedingungen geschaffen, die zum Nährboden für Terrorismus
werden. Je mehr regionale Produktionszyklen und Märkte durch das
Primat der internationalen Konkurrenz zerstört werden, um so mehr
gehen auch soziale Bezüge und traditionelle Verbundenheiten verloren.
Die Folgen sind für viele Menschen - vor allem in den Entwicklungsländern,
aber auch zunehmend in den Industrieländern - Perspektivlosigkeit,
regionale Entwurzelung und Individualisierung. Der einzelne ist durch
die Demontage von sozialen Netzen zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen.
Viele Menschen werden mit den Heilsversprechen der schönen neuen
Welt von Hollywood, Bollywood und Co. überschüttet, die für
sie doch unerreichbar bleiben. Die Flucht in die Jenseitsgewandtheit des
Fundamentalismus wird hier häufig zum letzten Ausweg.
Krisen bergen jedoch immer auch den Schlüssel auf Veränderung
in sich. Mehr Gerechtigkeit, mehr Teilen, mehr Fairness sind nötig,
um einer Kultur des Friedens näher zu kommen. Eine Politik, die eine
Austrocknung des Nährbodens von Terrorismus zum Ziel hat, muss eine
neue Weltwirtschafts- und -Sozialordnung entwickeln. Gerade der Brückenschlag
zwischen Friedens- und globalisierungskritischer Bewegung der letzten
Wochen lässt auf eine Erweiterung der Agenda der "klassischen"
Friedensbewegung und eine neuen Dynamik der Gesamtbewegung hoffen. Mit
der von Attac und dem Netzwerk Friedenskooperative angestoßenen
Kampagne "Gewaltspirale durchbrechen!" hat Attac die Basis für
eine langfristige Zusammenarbeit gelegt. 25.000 Menschen und Organisationen
haben den gemeinsamen Aufruf mittlerweile unterzeichnet (www.gewaltspirale-durchbrechen.de).
Steueroasen austrocknen
Besonders die Problematik von Steueroasen steht im Kontext der Finanzierung
des Terrorismus im Rampenlicht des öffentlichen Interesses. Eine
gute Möglichkeit, um Attac-Forderungen nach der Schließung
von Steueroasen, einer Lockerung des Bankgeheimnisses gegenüber den
aufsichtsrechtlichen Behörden und einer verstärkten Transparenz
der internationalen Finanztransaktionen öffentlich zu machen. Der
Entwurf des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes sieht eine zentrale
Stelle zur Bekämpfung von Geldwäsche beim Bundesfinanzministerium
vor. Diese soll durch die Prüfung von Verdachtsanzeigen der Banken
und eine Intensivierung der internationalen Kontakte Geldwäscheaktivitäten
ausfindig machen. Außerdem sollen alle Banken sämtliche Konten
und Depots ihrer Kunden an das Bundesamt für Kreditwesen melden,
das eigenständig in Sachen Geldwäsche recherchiert. Es ist zu
bezweifeln, dass diese Maßnahmen den einschneidenden Erfolg erbringen
werden.
Wichtig erscheint insbesondere, Einblick in das undurchsichtige Clearing-System
zu erhalten. Hierbei handelt es sich um das Archiv der weltweit getätigten
Finanztransaktionen von 2.500 Banken, das von dem luxemburgischen Unternehmen
Clear-Stream und dem englischen Pendant Euro-Clear verwaltet wird. Nach
Angaben des ehemaligen Mitarbeiters von Clear-Stream Ernst Backes existieren
nur die Hälfte der bei Clear-Stream geführten Konten offiziell.
Obwohl eigentlich nur für Banken geschaffen, haben die meisten großen
Unternehmen und viele Privatpersonen inoffizielle Konten bei Clear-Stream
eröffnet. Hierüber werden umfangreiche Geldwäscheaktivitäten
abgewickelt. Über die detaillierte Archivierung des Clearing-Systems
auf Mikrofish müssten viele kriminelle Finanztransaktionen aufdeckbar
sein. In Deutschland ist das Clearing-System kaum öffentlich bekannt,
während es in Frankreich - mit angestoßen durch Attac - breit
diskutiert wird. Sinnvoll erscheint hier eine öffentlich rechtliche
Kontrolle über das Clearing-System und die Einrichtung einer internationalen
Datenbank für Wirtschaftskriminalität.
Die Problematik von Steueroasen darf aber nicht auf das Geldwäschethema
verengt werden. Gerade die Rolle von Steueroasen als Anlaufpunkt für
die Steuerflucht von Großkonzernen und vermögenden Privatpersonen
und als Ort für ansonsten untersagte spekulative Geschäfte muss
stärker herausgestellt werden. In diesem Kontext müssen auch
die Steuerdumpingmaßnahmen vieler europäischen Nationalstaaten
an den Pranger gestellt werden. Eine zumindest europaweite Harmonisierung
der Besteuerung von Kapital auf hohem Niveau, wie derzeit im Falle einer
einheitlichen Besteuerung von Zinsen diskutiert, ist mittelfristig die
richtige Antwort auf den anhaltenden Steuerwettlauf nach unten. Gleichzeitig
muss auch das mit dem Deckmantel des Datenschutzes streng gehütete
Bankgeheimnis zur Disposition stehen, um Steuerhinterziehung und Geldwäsche
auf die Spur zu kommen.
Im Schatten der Anschläge - die Diskussion um die Tobin-Steuer
Auch wenn selbst Jospin und Schröder in den letzten Wochen rhetorisch
die Nähe zur globalisierungskritischen Bewegung gesucht haben, so
ist doch eine starke Diskrepanz zwischen Taten und Worten zu konstatieren.
Im Schatten der Aufregung um die Terrorakte waren beispielsweise die Ergebnisse
des Rats der europäischen Wirtschafts- und Finanzminister vom 21.
bis 23. September in Lüttich in Punkto Einführung der Tobin-Steuer
mehr als dürftig. Die Befürworter der Tobin Steuer finden sich
inzwischen bis in die Bundesregierung. So tritt Entwicklungsministerin
Heidemarie Wieczorek-Zeul für die Steuer ein. Doch das Bundesfinanzministerium
erwies sich immer noch als Bremser und setzt anscheinend darauf, dass
mit der in Lüttich beschlossenen Machbarkeitsstudie der EU dem Druck
aus der Öffentlichkeit der Wind aus den Segeln genommen wird. Die
Einführung der Tobin-Steuer droht auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben
zu werden. Attac wird den öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen
erhöhen, den hehren Worten auch Taten folgen zu lassen - etwa durch
die Übergabe von 15.000 Unterschriften an den Staatssekretär
im Bundesfinanzministerium Koch-Weser Anfang November.
Eine andere Welt ist möglich
Wichtiger Höhepunkt für Attac in diesem Jahr war der erste Kongress
der globalisierungskritischen Bewegung in Deutschland vom 19. bis 21.
Oktober in Berlin unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich".
Fast 4.000 Menschen beteiligten sich an einer Debatte über die Folgen
neoliberaler Globalisierung und Alternativen zu ihr. Auf Podien versammelte
sich mit Susan George, Wolf Dieter Narr, Oskar Lafontaine, Jean Ziegler,
Christa Wichterich und Bernhard Cassen die globalisierungskritische Prominenz.
Der Attac-Kongress hat eindrucksvoll bestätigt, dass sich auch in
Deutschland eine neue soziale Bewegung formiert. Die Terroranschläge
und der Krieg haben die Dynamik der globalisierungskritischen Bewegung
nicht gebremst. Die Präsenz dieser Themen in vielen Plenarbeiträgen
und Workshops und die Verknüpfung mit globalisierungskritischen Themen
hat sogar zu Synergieeffekten zwischen Friedens- und Globalisierungsthematik
geführt. Das politische Profil von Attac spiegelte das Spektrum der
TeilnehmerInnen wider. Es reichte von linksliberalen Positionen und den
linken Strömungen von SPD, Grünen, Rot-Grün-Enttäuschten
und gewerkschaftsnahen Kreisen bis hin zu den Kräften der außerparlamentarischen
Linken (BUKO, Frauenbewegung, Friedensbewegung und antikapitalistische
Gruppen). Nach den großen Erfolgen von Genua war der Attac-Kongress
ein wichtiges Forum, neue Ideen und Kampagnen zu entwickeln und aktiv
zu werden.
Attac wird sich als Teil der globalisierungskritischen Bewegung in den
nächsten Monaten einzelne Themen aus der komplexen Globalisierungsproblematik
herausgreifen und hier auf politische Veränderung drängen. Wir
werden den begonnenen Brückenschlag zur Friedensbewegung intensivieren
und uns aus einer globalisierungskritischen Perspektive in die Bewegung
einbringen. Besonders im Zuge der Diskussion um Geldwäsche, Steueroasen
und Bankgeheimnis werden wir uns in die aktuelle Diskussion einbringen.
Gleichzeitig wird Attac an den Kampagnenthemen zur Einführung der
Tobin-Steuer, der Verhinderung einer neuen Welthandelsrunde im Rahmen
der WTO und zu sozialen Sicherungssystemen festhalten und diese in den
Kontext der Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung stellen.
Attac wird die Dynamik der globalisierungskritischen Bewegung nutzen,
um Druck für grundlegende politische Veränderungen zu entfalten
- eine andere Welt möglich zu machen.
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