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Die Globalisierung, ihre Kritiker und
Lösungen für die Welt von morgen
Von Heidemarie Wieczorek-Zeul
Heidemarie Wieczorek-Zeul ist Bundesministerin
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Stellvertretende
Vorsitzende der SPD.
Seit einiger Zeit können sich die internationalen Gipfeltreffen der
G7/G8, die Tagungen von Weltbank und IWF und die Weltwirtschaftsforen
ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein. Sogenannte "Globalisierungsgegner"
- sie selbst nennen sich aus guten Gründen nur ungern so - haben
mit ihren Demonstrationen das Augenmerk auf die Globalisierung und das
globale Demokratiedefizit gelenkt.
Im Kern geht es den friedlichen "Globalisierungskritikern" um
eine politische Frage, die viele von uns ebenfalls beschäftigt. Die
wirtschaftlichen Verflechtungen sind in den letzten Jahrzehnten um ein
Vielfaches schneller angewachsen als die politischen Gestaltungsmöglichkeiten.
Die nachholende Demokratisierung durch internationale Politikkoordinierung
hinkt der wirtschaftlichen Entwicklung weit hinterher. Ein gravierendes
Demokratiedefizit ist die Folge.
Es ist gut möglich, dass sich die "Globalisierungsgegner"
zu einer neuen sozialen Bewegung entwickeln werden, die unsere Zeit so
beeinflussen, wie die 80er Jahre von der Frauen-, der Friedens- und der
Ökologiebewegung politisch geprägt worden sind. In jedem Fall
sind sie aber innerhalb kurzer Zeit zu einem nicht unbedeutenden politischen
Akteur geworden. Das verdient Respekt und eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Die SPD sollte mit den verschiedenen Gruppen den Dialog und die inhaltliche
Auseinandersetzung suchen. Die SPD hat als Regierungspartei eine andere
Aufgabe als die Nichtregierungsorganisationen. Wenn diese Rollenverteilung
auf beiden Seiten akzeptiert wird, kann gemeinsam eine Menge erreicht
werden.
Sozialdemokratische Programmatik
Das Thema der Globalisierung beschäftigt die SPD schon seit Jahren.
Bereits im Berliner Grundsatzprogramm von 1989 heißt es u.a.: "Um
zu verhindern, dass Standortkonkurrenz zwischen Wirtschaftsräumen
zum weltweiten Druck auf Löhne, zu schlechteren Arbeitsbedingungen,
Sozialleistungen und Umweltnormen führt, werden international verbindliche
Regeln für soziale und ökologische Produktionsbedingungen nötig.
Noch mehr hat die Internationalisierung der Märkte für Kapital-
und Geldanlagen die nationalen Möglichkeiten zur Steuerung der kapitalistischen
Ökonomie vermindert. (...) Wo der Verlust nationaler Kompetenz nicht
durch internationale Regeln ausgeglichen wird, gilt das Recht des Stärkeren.
Alle Volkswirtschaften werden anfälliger für Krisen. Daher wollen
wir Möglichkeiten zur Steuerung der Wirtschaften durch internationale
Kooperation und Rahmensetzung zurückgewinnen und erweitern (...)."
Dies alles war Ende der 80er Jahre - und ohne dass der Begriff der Globalisierung
schon eine Rolle gespielt hätte - bereits ersichtlich und formuliert.
Seitdem hat die Geschwindigkeit, Tiefe und Reichweite der wirtschaftlichen
und technologischen Entwicklungen noch zugenommen, vor allem aber Umfang
und Geschwindigkeit weltweiter Finanztransaktionen. Der Begriff der Globalisierung
probiert diese neue Qualität zum Ausdruck zu bringen.
In der aktuellen Programmdebatte wird das Thema "Globalisierung"
sehr ausführlich und intensiv behandelt. Hier hat sich gezeigt, dass
wir bereits eine ganze Reihe von Antworten geben können, die im übrigen
oft gar nicht weit von den Forderungen der "Globalisierungskritiker"
entfernt sind.
Vieles von dem, was wir programmatisch anstreben und was auch von den
Globalisierungsgegnern gefordert wird, haben wir im übrigen begonnen,
in Regierungshandeln umzusetzen. Ich denke dabei u.a. an die Entschuldungsinitiative
und an die Marktöffnung, die die EU den 48 ärmsten Entwicklungsländern
für alle Produkte, außer Waffen, gewährt.
Weltordnungspolitik
Wir brauchen heute auf globaler Ebene eine Weltordnungspolitik, die allen
Akteuren einen klaren Rahmen für ihr Handeln setzt. Die Prinzipien
sozialstaatlichen Denkens und der sozialen Marktwirtschaft müssen
auch international verankert werden. Es geht um die soziale Bändigung
des weltweiten Kapitalismus.
Das Gerüst einer solchen Weltordnungspolitik sollte auf den folgenden
Säulen beruhen - einer gerechten Welthandelsordnung, einer gerechten
Weltwährungs- und Finanzordnung, sowie einer neuen Weltsozial- und
Umweltordnung.
Das Prinzip der Demokratie verlangt, dass es eine faire und gerechte Interessenvertretung
aller Regionen gibt. Das ist heute bei weitem nicht der Fall. Die G7-Länder
z.B. verfügen über 68 % des weltweiten Bruttosozialproduktes,
stellen aber nur 11 % der Weltbevölkerung. Gleichzeitig dominieren
sie mit ihrem wirtschaftlichen Gewicht auch die wirtschaftliche Lage in
den Ländern des Südens.
Handlungsfähige Weltregionen sind eine wichtige Voraussetzung für
eine multipolare Welt und die Gestaltung der Globalisierung. Die EU ist
hierfür - trotz aller Mühseligkeiten - beispielgebend. Vor allem
kann sie die Erfahrungen ihrer Mitgliedstaaten des sozialen Rechtsstaates
in die internationalen Beziehungen einbringen.
Darüber hinaus müssen weltstaatliche Strukturen entwickelt werden,
damit der Primat der Politik auch in Zeiten der Globalisierung gewahrt
bleiben kann.
Ein wichtiger Anknüpfungspunkt für eine Weltordnungspolitik
sind die Strukturen der Vereinten Nationen. Sie bedürfen allerdings
tiefgreifender Reformen. Der UN-Sicherheitsrat muss repräsentativer
zusammengesetzt sein, alle Regionen müssen vertreten sein und das
Vetorecht muss entfallen.
Ich halte auch die Forderung des Zedillo-Berichtes (Der frühere mexikanische
Präsident Zedillo hat eine von Kofi Annan eingesetzte Kommission
geleitet. Sie hat ihren sehr lesenswerten Bericht vor kurzem vorgelegt.)
nach Einrichtung eines "Global Council for Economic Policy"
für sehr erwägenswert. In ihm sollen alle Regionen gerecht vertreten
sein und es sollen in ihm auf höchster Ebene wirtschaftspolitische
Fragen beraten und entschieden werden.
Internationaler Handel
Viele Entwicklungsländer leiden besonders unter den sich immer
weiter verschlechternden terms of trade. Für sie ist der freie Zugang
zu den Märkten der Industrieländer von entscheidender Bedeutung.
Dies gilt besonders für weiterverarbeitete Produkte. Gleichzeitig
müssen die Strukturen der Welthandelsorganisation (WTO) so reformiert
werden, dass die Entwicklungsländer fair beteiligt werden.
Im Welthandel müssen soziale und ökologische Mindeststandards
verankert werden. Die Kernarbeitsnormen der ILO (keine Zwangsarbeit, keine
ausbeuterische Kinderarbeit, Zulassung freier Gewerkschaften und das Recht
auf kollektive Lohnverhandlungen) müssen durchgesetzt werden.
Internationale Finanzmärkte
Die Hauptforderungen der "Globalisierungsgegner" richten sich
auf die unregulierten internationalen Finanzmärkte. Zu recht wird
festgestellt, dass die unkontrollierten Kapitalbewegungen leicht ganze
Volkswirtschaften in Gefahr bringen können.
Wir benötigen dringend eine internationale Finanzarchitektur, die
mehr Transparenz und einen besseren Schutz der Entwicklungsländer
vor Spekulationen sicherstellt. Denn noch ist die Regel, dass die Gewinne
privatisiert werden, während die Verluste letztlich von der Allgemeinheit
getragen werden.
Die Entwicklungsländer müssen an den entscheidungsrelevanten
internationalen Foren besser beteiligt werden und sie müssen mitwirken,
wenn Standards für die internationalen Finanzmärkte aufgestellt
werden. Schließlich sind die Entwicklungsländer oft die ersten
Opfer bei Krisen auf den Kapitalmärkten. Es ist deshalb auch legitim,
wenn sie ihre Finanzsektoren nicht umgehend liberalisieren und sich Kapitalverkehrskontrollen
- zumal Kapitalimportkontrollen - vorbehalten.
Ferner müssen Regulierungen für die hochrisikoreichen Hedge-Funds
und Offshore-Finanzzentren verabredet werden.
Oft wird die Diskussion um den Reformbedarf der Internationalen Finanzmärkte
auf die Frage der Tobin-Steuer eingeengt. Sie ist eine Steuer auf internationale
Devisentransaktionen, für die sich zuletzt auch der französische
Premierminister Lionel Jospin ausgesprochen hat. Auch in verschiedenen
Parlamenten ist die Devisentransaktionssteuer ernsthaft diskutiert worden.
Sie zielt auf die geschätzten 1,5 bis 2 Billionen US-Dollar, die
täglich in Form von Devisentransaktionen zirkulieren und die nur
zu einem geringen Teil mit der Finanzierung des internationalen Handels
zu tun haben, sehr viel mehr aber mit reinen Spekulationsgeschäften.
Selbst bei einem sehr niedrigen Steuersatz würden sich Spekulationsgeschäfte
mit kurzem Zeithorizont deutlich weniger rentieren. Zudem ließen
sich Einnahmen erzielen, die z.B. für die Entwicklungszusammenarbeit
genutzt werden könnten.
Das Instrument der Tobin-Steuer hat ohne Frage seinen Reiz. Allerdings
verhindern handfeste "ökonomische Interessen" die Einführung
in entscheidenden Ländern. Es ist nicht zu erwarten, dass Länder
wie die USA oder Großbritannien sich auf diese Besteuerung einlassen.
Und ohne sie ist eine Besteuerung der Devisentransaktionen wegen der leichten
Ausweichmöglichkeiten schwer vorstellbar.
Finanzielle Verpflichtungen
Sollte sich die gemeinsame Einführung einer Devisentransaktionssteuer
nicht in der nächsten Zeit realisieren lassen - und leider spricht
einiges dafür -, so müssen neue Wege zur Finanzierung globaler
öffentlicher Güter (z.B. saubere Luft, Finanzstabilität)
gefunden werden.
Die von Kofi Annan eingesetzte und vom früheren mexikanischen Präsidenten
Zedillo geleitete Kommission schlägt eine internationale Steuerorganisation
vor, die sicherstellt, dass Entwicklungsländern ein besserer Zugriff
auf Fluchtkapital ermöglicht wird. Das halte ich für einen bemerkenswerten
Vorschlag, der in die richtige Richtung weist.
Ein Finanzierungsvorschlag für globale öffentliche Güter
könnte auch eine gemeinsame EU-Initiative sein - z.B. zur Besteuerung
des Flugbenzins in der EU. Dieser Vorschlag findet sich bereits in der
Koalitionsvereinbarung von SPD und Bündnis90/Die Grünen. Dies
würde vor allem auch ermöglichen, dass eine Gruppe von Ländern
mit einer eigenen Initiative vorangeht.
Reformen, die wirklich global spürbar sind, bedürfen eben auch
einer finanziellen Kraftanstrengung. Die internationale Gemeinschaft muss
zu ihren finanziellen Verpflichtungen stehen. Nur so kann das von den
Staats- und Regierungschefs auf dem UN-Millenniumsgipfel im Jahr 2000
festgelegte Ziel der Halbierung der weltweiten Armut bis zum Jahr 2015
erreicht werden. Zudem haben sich die Industrieländer verpflichtet,
0,7 % ihres Bruttosozialprodukts für die Entwicklungspolitik einzusetzen.
Von dieser Selbstverpflichtung sind die meisten Länder - auch Deutschland
- meilenweit entfernt. Die Ernsthaftigkeit eines politischen Programms
muss sich nicht nur, aber auch an dem finanziellen Engagement messen lassen.
Nachhaltige Entwicklung
Es ist ein Gebot der Ehrlichkeit festzustellen, dass wir bereits heute
mitten im Klimawandel sind. Die Menschheit - insbesondere aber die Menschen
in den westlichen Industrieländern - haben die Welt mit ihrem Energieverbrauch
auf einen riskanten Weg gebracht. Besonders problematisch ist daran, dass
der Klimawandel im wesentlichen durch die Industrieländer ausgelöst
wurde, seine Folgen aber zunächst vor allem in den Ländern des
Südens auftreten.
Wir sind deshalb verpflichtet, unsere Energiepolitik endlich zu ändern
- und das heißt vor allem, vom Öl unabhängiger zu werden.
Wir müssen stärker die erneuerbaren Energien nutzen, die Energieeffizienz
steigern und auf Energiesparen setzen.
Anders als im ökonomischen Bereich gibt es international zum Schutz
der Umwelt bereits eine ganze Reiche völkerrechtlich verbindlicher
Abkommen und Regulierungen. Diese müssen auf jeden Fall eingehalten
und ausgebaut werden.
Fazit
Die Gestaltung der Globalisierung ist die politische Aufgabe des 21. Jahrhunderts.
Nur gemeinsam wird es gelingen, die Welt sozial und ökologisch zu
gestalten. Wir sollten deshalb nach den Gemeinsamkeiten und den Gleichgesinnten
suchen. Ich plädiere für ein breites globales Reformbündnis,
an dem die reformbereiten Industrie- und Entwicklungsländer, die
Zivilgesellschaft genauso wie die Gewerkschaften und der private Sektor
teilhaben. Es wäre ganz illusorisch zu glauben, dass diese große
Aufgabe von einzelnen allein gelöst werden könnte. In dieser
gemeinsamen Anstrengung sollten die gewaltfreien "Globalisierungskritiker"
eine wichtige Rolle spielen. Sollte hier tatsächlich eine neue, friedliche
soziale Bewegung entstehen - um so besser.
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