Attac - eine Bewegung im Aufschwung
Diskussionen und Entwicklungen nach Genua

Von Christoph Bautz


Christoph Bautz, Diplom-Biologe und Mitarbeiter im Attac-Bundesbüro

Nähere Informationen: Attac Deutschland, Artilleriestr. 6, 27283 Verden, Tel. 04231 - 95 75 91, www.attac-netzwerk.de

Lange hat er verärgert geschwiegen, doch dann musste auch er die Zeichen der Zeit erkennen. "Die vielen Aktiven, die eine unkontrollierte Herrschaft der internationalen Finanzmärkte und Großkonzerne befürchten und für globale Gerechtigkeit und Solidarität eintreten - das sind ja keineswegs nur Spinner." Nachdem der kleine Koalitionspartner es verpasst hatte, rechtzeitig auf den Zug der globalisierungskritischen Bewegung aufzuspringen, sucht nun Bundeskanzler Schröder rhetorisch ihre Nähe.

Damit befindet er sich im allgemeinen Trend. Seit Genua ist der Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung in aller Munde. Weit über 200.000 Menschen haben in Genua protestiert - die größte Demonstration in Europa seit Jahren. Ihnen gegenüber stand ein zur Festung ausgebautes Konferenzzentrum und ein derart gewalttätiger Polizeieinsatz, wie ihn Europa seit den heißen Siebzigern nicht mehr erlebt hatte. Er gipfelte in der Erschießung Carlo Giulianos und der Erstürmung der Diaz-Schule, bei dem sich der Vergleich zu chilenischen Verhältnissen aufdrängt. Spätestens mit den Berichten über die Gewalteskapaden der italienischen Carabiniere hat sich auch die Berichterstattung der Medien grundlegend gewandelt. Standen anfänglich die Gewalt einer kleinen Minderheit der Protestierenden im Rampenlicht der Öffentlichkeit, so trat immer mehr die neue Qualität der globalisierungskritischen Bewegung und ihre Anliegen in den Vordergrund. Beschrieb der Spiegel die Bewegung wenige Wochen vor Genua als "Kids ohne politisches Programm", so hieß es kurz danach: "Eine neue, erstmals wirklich internationale Protestgeneration heizt Politikern und Konzernchefs ein - und zwar zu Recht. Die globale Weltwirtschaft, mächtig und krisenanfällig zugleich, braucht neue Spielregeln."

Von dieser Aufbruchstimmung von Genua ist auch Attac erfasst worden. Attac wird als gut organisierter Teil der globalisierungskritischen Bewegung in der Öffentlichkeit zunehmend zum Sprachrohr der Bewegung. Gegründet 1998 in Frankreich bildet Attac seit Anfang 2000 auch in Deutschland ein breites gesellschaftliches Bündnis, das vom BUND über ver.di und Pax Christi bis zu kapitalismuskritischen Gruppen reicht. Für viele vom Konservatismus in Regierungsmehrheit und Opposition desillusionierte Menschen entwickelt sich Attac zum neuen Hoffnungsträger auf wirkliche gesellschaftliche Veränderung. Das Interesse sowohl der Medien als auch von Einzelpersonen und Organisationen an Attac ist enorm angestiegen. Allein die Mitgliederzahl hat sich innerhalb weniger Wochen nahezu verdreifacht. Attac wird als wichtiger Akteur erkannt, der in den letzten Wochen ständig auf den Titelseiten der großen bundesweiten Medien zu finden ist und an den politischen Diskussionsprozessen intensiv beteiligt ist.

Grüne Umarmungsversuche - grüne Positionssuche zur Bewegung

Verschiedene Diskussionslinien haben seit Genua die deutsche Medienlandschaft durchzogen. Eingeleitet durch die Attacken von Daniel Cohn-Bendit bemühen sich Teile der Grünen um eine Öffnung gegenüber der globalisierungskritischen Bewegung. Ursprünglich angetreten als parlamentarischer Arm der sozialen Bewegungen der Achtziger, bemerken sie mit Entsetzen, dass der Zug dieser Bewegung ohne sie fährt. Der letzte Bezug zur Basis droht verloren zu gehen - sicherlich geschürt durch Äußerungen von Außenminister Fischer, der die Hunderttausenden globalisierungskritischen Demonstranten auf den Straßen von Genua aufforderte, ein Freudenfest zu feiern, da doch ihre Forderungen nun auch auf der Agenda der G8 stünden. Angesichts der realen Beschlüsse von Genua klingt dies wie blanker Hohn in den Ohren der Globalisierungskritiker.

Die internationale Bewegung Attac wurde in den letzten Woche zum ersten Adressat für die grüne Umarmungswelle. Attac fordert jedoch von den Grünen weniger eine Öffnung gegenüber der Bewegung als vor allem eine Änderung ihrer immer stäker von neoliberalen Positionen geprägten Wirtschaftspolitik. Die Haushalts- und Finanzpolitik der Bundestagsfraktion wird zunehmend von den grünen Marktliberalen à la Metzger und Scheel bestimmt. Etwa bei der rot-grünen Steuerreform, bei der sie auf eine stärkere Senkung der Spitzensteuersätze drängten und die steuerliche Freistellung der Veräußerungsgewinne von Kapitalgesellschaften mittrugen. Wenn jetzt Grüne in trauter Eintracht mit vielen Genossen des großen Koalitionspartners zur Privatisierung als Patentrezept für in die Krise geratene soziale Sicherungssysteme greifen, dann verkennen sie auch hier die Kehrseiten dieser Politik: Mit der Rentenreform geht ein auf paritätische Umlagefinanzierung setzendes Moment immer mehr verloren und das bundesdeutsche Gesundheitssystem droht zu einer Zweiklassenmedizin zu verkommen. Gleichzeitig werden Renten, und nun vielleicht auch das Gesundheitssystem, dem Auf und Ab der internationalen Finanzmärkte ausgeliefert.

Attac setzte sich insbesondere mit dem Entwurf zum neuen Grundsatzpapier 2020 der Grünen auseinander. "So viel Markt wie möglich", heißt es dort. Eine umverteilende und die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Marktsystems ausgleichende Wirtschaftspolitik kommt immer mehr unter die Räder. Verteilungsgerechtigkeit bedeutet im Grünen Grundsatzpapier lediglich Armutsbekämpfung und Chancengleichheit, während die wachsende Schere zwischen Arm und Reich nicht thematisiert wird. Attac-Forderungen nach konkreten Umverteilungsmaßnahmen wie die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Erhöhung der Erbschaftssteuer, die Besteuerung von Aktienkursgewinnen und eine Abkehr von der Senkung der Spitzensteuersätze sind im Programm nicht zu finden.

Auch auf die Globalisierung der internationalen Märkte antworten die Grünen lediglich mit einem inhaltsleeren Multilateralismus. In dem Grundsatzprogrammentwurf bleibt völlig unklar, mit welchen Instrumenten die Grünen die Globalisierung regulieren wollen. Damit distanzieren sich die Grünen von den Forderungen der GlobalisierungskritikerInnen. Der generelle Aufruf zur Stärkung internationaler Institutionen wird nicht relativiert durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik von IWF, WTO und Weltbank gegenüber den Entwicklungsländern. Die Grünen scheinen das Thema Globalisierung verschlafen zu haben, was um so deutlicher wird, wenn grüne Spitzenpolitiker wie Trittin und Kuhn nicht müde werden zu betonen, das Thema Globalisierung mit Klimapolitik und der HIPC-Entschuldungsinitiative längst besetzt zu haben. Ein völlig verwässertes Klimaprotokoll und ein mit völlig überzogenen Konditionalitäten versehenes Entschuldungsprogramm von gerade mal 70 Milliarden US-Dollar (gegenüber einer Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer von etwa 2 Billionen US-Dollar) sollte nicht die alleinige grüne Antwort auf die Globalisierung bleiben. Attac behandelt die Grünen, anders als frühere soziale Bewegungen, wie jede andere Partei und will mit ihr in einen kritischen und öffentlichen Dialog treten und um Positionen ringen. Verschiedene Streitgespräche haben bereits sowohl Gemeinsamkeiten als auch Kontroversen klarer hervortreten lassen.

Sand ins Getriebe der Spekulation - die Debatte um die Tobin-Steuer

Im Zuge der Debatte um die Konsequenzen aus Genua ist insbesondere die Tobin-Steuer in eine breite öffentliche Wahrnehmung getreten. Sie könnte ein erster Schritt zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte darstellen. Durch die Besteuerung von Devisenumsätzen werden rein spekulative Kapitaltransaktionen unrentabel. Diese tragen dazu bei, dass Wechselkurse eher durch die kurzfristigen Erwartungen der Spekulation als durch die ökonomischen Fundamentaldaten bestimmt werden. Dies ist eine Ursache für die Bildung von spekulativen Blasen, die sich in Finanzkrisen entladen können - mit katastrophalen Auswirkungen auf Armut und Beschäftigung, wie die Asienkrise 1997/98 eindrücklich gezeigt hat. Die erwarteten 150 Mrd. US-Dollar Einnahmen aus der Tobinsteuer sollen für die Armutsbekämpfung eingesetzt werden. Attac fordert die Tobin-Steuer auch im europäischen Alleingang einzuführen, wenn sich die anderen großen Wirtschaftsblöcke hieran vorerst nicht beteiligen sollten. Die Tobin-Steuer kann jedoch nur ein erster Baustein zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte sein. Weitere Schritte wie die Schließung von Steueroasen, die Stabilisierung der Leitwährungen durch Zielzonensysteme, der selektive Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen oder eine Stärkung der Börsen- und Bankenaufsicht müssen folgen.

Mit Spannung erwartet Attac die weitere Entwicklung der Haltung der Bundesregierung zur Einführung der Tobin-Steuer. Die Front der Kritiker scheint zu bröckeln. Während der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Tacke vor wenigen Wochen noch verkündete, niemand in den Industrieländern wolle die Tobin-Steuer, sah sich nach entsprechenden Äußerungen von Jospin auch Bundeskanzler Schröder zu einer deutlich positiveren Stellungnahme genötigt. Er bezeichnete die Tobin-Steuer als ein mögliches Instrument, um "auf die relative Verselbständigung spekulativer Finanzströme zu reagieren." Auf dem Treffen der europäischen Wirtschafts- und Finanzminister in Lüttich vom 21. bis 23. September wird erstmals auch die Tobin-Steuer auf der Tagesordnung stehen. Eine Gelegenheit auch für die Bundesregierung, Flagge zu zeigen. Attac wird mit einer internationalen Demonstration und einem Europäischen BürgerInnenkongress der Diskussion den notwendigen Rahmen geben.

Genua war erst der Anfang - die Chance auf politische Veränderungen nutzen

In den nächsten Monaten gilt es die große öffentliche Aufmerksamkeit für die globalisierungskritische Bewegung zu nutzen, um politische Erfolge zu erzielen. Für die Schließung von Steueroasen wird ein internationaler Attac-Aktionstag am 6. Oktober in Luxemburg eintreten. Vermögende Privatpersonen und Konzerne haben bereits 6-7 Billionen US Dollar in Steueroasen verlagert, um sie einer Besteuerung zu entziehen. Immense Steuerausfälle und wachsende Steuerungerechtigkeit zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen drohen die Substanz der Wohlfahrtsstaaten und in noch weit größerem Ausmaß die der Entwicklungsländer zu unterhöhlen. Die Folge ist ein Steuersenkungswettlauf, um im internationalen Wettbewerb noch mithalten zu können.

Weiterer Schwerpunkt der Attac-Aktivitäten wird die Verhinderung einer neuen Welthandelsrunde in Katar sein. Weitere Marktöffnungen der Industrieländer insbesondere für Agrar- und Textilprodukte und ein Abbau der Exportsubventionen dürfen nicht gegen weitere Öffnung der Märkte der Entwicklungsländer eingetauscht werden. Bei den bestehenden eklatant unterschiedlichen Entwicklungsstadien bedeutet eine weitere Liberalisierung des Außenhandels der Entwicklungsländer nur eine Verdrängung regionaler Erzeuger von den heimischen Märkten durch Billigprodukte aus den Industrieländern. Da ein positiver Zusammenhang zwischen der Offenheit des Handels und Wirtschaftswachstum bei Entwicklungsländern empirisch nicht nachweisbar ist (Kenny & Williams 2001), sollten die Absatzmöglichkeiten für Produkte aus den Entwicklungsländer in den Industriestaaten verbessert werden, anstatt auf weitere Liberalisierungsmaßnahmen seitens der Entwicklungsländer zu drängen.

Doch politische Veränderung braucht auch die Weiterentwicklung von Alternativen zum neoliberalen Dogma. Der erste Kongress der globalisierungskritischen Bewegung findet vom 19. bis 21. Oktober in Berlin unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" statt. Mit einer bunten Vielzahl von Veranstaltungen wird Attac vielen Menschen die Möglichkeit bieten, sich an der Debatte über die neoliberale Globalisierung zu beteiligen. Auf Podien versammelt sich mit Susan George, Wolf Dieter Narr, Oskar Lafontaine, Jean Ziegler, Christa Wichterich und Bernhard Cassen die globalisierungskritische Prominenz. Nach den großen Erfolgen von Genua wird der Kongress ein Forum sein, neue Ideen und Kampagnen zu entwickeln und aktiv zu werden - eine andere Welt möglich zu machen.

Attac wird in den nächsten Monaten weiter Druck für politische Veränderung entfalten. Den hehren Worten vieler politisch Verantwortlicher müssen Taten folgen. Wenn Schröder "amerikanischen Verhältnissen" eine rhetorische Absage erteilt und den Kurs einer "politischen und demokratischen Steuerung der Globalisierung" verfolgt, so beeindruckt uns das wenig. Er und seine Partei werden an Taten gemessen. Auf dass nicht ruhige Hände zittrig werden.


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