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Von
den Franzosen lernen?
Lionel Jospins Reformprojekt:
links und sozialistisch - trotzdem erfolgreich
Von Horst Heimann
Dr. Horst Heimann,
hat lange Jahre für die Friedrich-Ebert-Striftung an der Akademie
in Freudenberg gearbeitet und sich mit Beiträgen an den Theoriediskussion
von Jusos und SPD beteiligt, lebt jetzt in Dortmund
Anders als der "moderne" Tony Blair werde die französische
Linksregierung mit ihrem "antiquierten altsozialistischen" Programm
bald an den ehernen objektiven Gesetzmäßigkeiten der globalisierten
Marktwirtschaft scheitern und daher bald von den enttäuschten Wählern
zu Recht wieder in die Opposition verbannt werden - lauteten viele Prognosen
nach dem Sieg des Sozialisten Jospin im Mai 1997.
Doch während die Wähler 1999 den "modernen" Parteien
von Blair und Schröder herbe Niederlagen zufügten, gingen Jospins
linke Traditionssozialisten in Frankreich gestärkt aus den Regionalwahlen
1998 und den Europa-Wahlen 1999 hervor.
Die guten Wahlergebnisse und die anhaltend hohen Popularitätswerte
für Jospin erklären sich aus den eindrucksvollen Erfolgen seiner
Politik: In den ersten zwei Jahren ging die Arbeitslosigkeit bereits um
700 000 zurück, von Mai 1999 bis Mai 2000 noch einmal um rund 500
000; 1997 noch bei 12,5% liegend, sank sie in diesem Frühjahr, erstmals
seit 1991, mit 9,8% unter die psychologisch wichtige Grenze von 10%. Dieser
beachtliche Rückgang ist nicht nur der günstigen weltwirtschaftlichen
Entwicklung zu verdanken, sondern auch dem Beschäftigungsprogramm
der Regierung für Jugendliche (je 350 000 Arbeitsplätze im öffentlichen
und im privaten Sektor) und der schrittweisen Umsetzung des Gesetzes über
die 35-Stunden-Woche. Rund 40% des Rückgangs der Arbeitslosigkeit
werden auf die neue Arbeitsmarktpolitik zurückgeführt. (vgl.
Le nouvel Observateur 01.06.2000, Le Monde, 1. 7. 2000)
Die aktive Wirtschafts- und Sozialpolitik der pluralen Linksregierung
hat dazu beigetragen, dass Frankreich heute mit 3,5% Wachstum an der Spitze
der EU-Länder steht
Die ökonomischen Erfolge der französischen Linksregierung versucht
man in Deutschland meist damit zu erklären, dass Jospin zwar eine
linke altsozialistische Rhetorik pflege, praktisch aber fast eine "moderne"
neoliberale Wirtschaftspolitik betreibe. Zwar ist tatsächlich zu
beobachten, dass in Großbritannien und Deutschland die praktische
Politik nicht so "rechts" ist wie die Rhetorik, in Frankreich
dagegen die praktische Politik nicht ganz so "links" wie die
Rhetorik. Aber es bleibt unerkannt, dass die "Rechtslastigkeit"
der Rhetorik in Deutschland und ihre "Linkslastigkeit' in Frankreich
die Ursache in einem grundlegenden Unterschied zwischen beiden Ländern
haben: ln den intellektuellen Diskursen, also im Bereich der Interpretationen
und der Bewertungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, hat in Frankreich
in den 90er Jahren die Linke die geistige Hegemonie zurückgewonnen.
In Deutschland dagegen, und auch in Großbritannien, hat die neoliberale
Ideologie ihr Deutungsmonopol behauptet, zwar nicht in der Gesamtbevölkerung,
aber bei den Machteliten, und ihren willigen Helfern, in Wirtschaft, Wissenschaft,
Kultur und Medien.
Voraussetzung für die Rückgewinnung einer linken Hegemonie in
Frankreich war auf der semantischen Ebene das selbstbewußte Festhalten
an der klaren Unterscheidung zwischen Rechts und Links und am linken Leitbegriff
Sozialismus. In Frankreich wissen daher nicht nur, wie auch in Deutschland,
die Rechten, dass sie Rechte sind, dort wissen, anders als in Deutschland,
auch die Linken, dass sie Linke sind. Wer aber nicht mehr zwischen Rechts
und Links zu unterscheiden vermag, kann sich nicht einmal dafür interessieren,
ob es noch irgendwo eine linke geistige Hegemonie gibt. Und er kann auch
nicht wahrnehmen, dass die Sozialistische Partei Frankreichs seit 1995
unter Jospin eine theoretisch-programmatische Erneuerung vollzogen hat,
die intellektuell anspruchsvoller und tiefgreifender ist als die vorwiegend
medial inszenierte Modernisierung von New Labour unter Blair.
Nach ihren katastrophalen Wahlniederlagen 1999 (die Hälfte der Stimmen
vom September 1998 verloren!) hat die SPD zwar ihre enge Bindung an Blairs
Dritten Weg klammheimlich zu lockern versucht und demonstrativ die Nähe
zum erfolgreichen Jospin gesucht, der Ende 1999 auf dem Parteitag in Berlin
sprechen durfte. Doch die theoretischen Grundlagen der erfolgreichen Politik
der französischen Linksregierung und die Argumente zur Abgrenzung
vom Blair-Schröder-Papier wurden von den "ideologiefreien"
Pragmatikern nicht zur Kenntnis genommen.
Auf das Angebot, das Blair-Schröder-Papier auch unterzeichnen zu
dürfen, hatte Jospin nur mit dem Wort "non"' geantwortet.
Auf der Sommeruniversität der Sozialistischen Partei am 29. August
1999 in La Rochelle begründete er seine Distanzierung von der Zielrichtung
des britisch-deutschen Manifestes damit, dass die französischen Sozialisten
auf die Herausforderungen der Globalisierung "als eine Kraft der
Linken" antworten. "Wir machen nicht in 'Sozial-Liberalismus'.
Unser Ansatz unterscheidet sich von dem, der im Manifest unserer Freunde
Tony Blair und Gerhard Schröder sichtbar wird. Wir sind eine Linke
der Erneuerung, die sich um einen modernen Sozialismus sammelt.'' (S.
98)
In seinem im September 1999 von der Fabian Society veröffentlichten
Grundsatzbeitrag (hier zitiert aus der französischen Fassung in:
Le socialisme moderne) betonte Jospin, dass die Debatte über das
Selbstverständnis der Sozialdemokratie zwar auch auf europäischer
Ebene geführt werden müsse, aber die nationalen Besonderheiten
einzelner Länder nicht ignoriert werden dürfen. Beim Vergleich
zwischen Großbritannien und Frankreich sei zu beachten, dass es
einen großen Unterschied ausmache, ob man nach dem "Experiment
Thatcher" oder nach Balladur und Juppé an die Regierung komme.
Unter diesem Gesichtspunkt sei "'der Dritte Weg' die nationale Form,
die im Vereinigten Königreich die Arbeit für die theoretische
und politische Erneuerung" der europäischen Sozialdemokratie
angenommen habe. (S. 30f.) (In Deutschland wäre zu fragen, wie hilfreich
die spezifisch britische Form der Erneuerung für die SPD sein kann,
die nach Kohl an die Macht gekommen ist, der ja selbst einen Dritten Weg
zwischen Thatcher und sozialdemokratischer Politik gegangen war.)
Für das Festhalten an der klaren Unterscheidung zwischen Links und
Rechts gibt Jospin eine schlicht empirische Begründung, die in Frankreich
übrigens Konsens ist: "Die Linke und die Rechte existieren.
Und auch die Trennlinien, die sie voneinander unterscheiden." (S.
85) Daher müsse sich die französische Linke allen Fragen der
französischen Gesellschaft "unter Bezugnahme auf ihre Werte
und ihre eigenen Ansprüche" stellen. Für die meisten dieser
Fragen "gibt es linke und rechte Herangehensweisen". Bei vielen
aktuellen politischen Streitfragen waren daher die Antworten der Linken
gut von denen der Rechten zu unterscheiden. (S. 108)
Die linken Antworten waren nicht die Alternative zu den "modernen"
Antworten. Den Begriff modern überläßt Jospin nicht den
neoliberalen Ideologen, er beansprucht ihn zur Kennzeichnung seiner Position,
"eine authentisch linke Politik, eine Politik, die entschieden modern
ist". (S. 88) In seinem Engagement für die Erneuerung des französischen
Sozialismus seit 1995 läßt er sich von dem Grundsatz leiten:
"Die Treue zu unseren Prinzipien ist kein Hindernis, sondern eine
Voraussetzung für die Modernisierung."
Die Unsicherheit des Blair-Schröder-Papiers gegenüber dem traditionellen
Leitbegriff "links" wird von französischen Kritikern als
besondere Schwachstelle hervorgehoben: "Warum soviel reumütige
Zerknirschung? Warum quält die Autoren des Manifestes schon das Wort
links so sehr, dass sie sich so eifrig um ungenaue Ersatzbegriffe bemühen,
als ob das Erbe von Harold Wilson und Willy Brandt ebenso schwer zu ertragen
wäre wie das von Stalin und Mao?" ( Jean Pisani-Ferry, Vérités,
bravades et silence ..., in: Blair-Schröder - Le texte du "manifeste"
- Les analyses critiques. Les Notes de la Fondation JeanJaurès,
No. 13 août 1999, S. 70 f.)
Gegen Tendenzen des Dritten Weges unterstreicht Jospin, dass für
die französischen Sozialisten mit ihrer linken Standortbestimmung
die Idee des Sozialismus unauflöslich verbunden bleibt: "Wir
sind also nicht 'Liberale von links'. Wir sind Sozialisten." (S.
24) Seiner Rede vor dem Kongreß der Sozialistischen Internationale
in Paris am 8. November 1999, also 5 Monate nach Veröffentlichung
des Blair-Schröder-Papiers, gab er den programmatischen Titel: "Sozialist
sein." Als Sozialist stellte er rückblickend selbstbewusst fest:
''Der demokratische Sozialismus hat dazu beigetragen, dieses Jahrhundert
zu gestalten." (S. 60) Und auf die Zukunft bezogen bekannte er: "Der
demokratische Sozialismus bleibt eine fruchtbare Idee für unsere
neue Welt." (S. 62)
Die Revision des marxistisch-revolutionären Sozialismuskonzepts ist
allerdings eine Voraussetzung dafür, dass der Demokratische Sozialismus
eine 'fruchtbare Idee" für die Zukunft bleiben kann. Eine Mehrheit
der französischen Sozialisten hatte rhetorisch bis in die achtziger
Jahre an jenem Konzept festgehalten, das dem Kapitalismus den Sozialismus
als totale Systemalternative entgegensetzt. Und so kamen sie 1981 mit
der revoIutionären Forderung nach "Bruch mit dem Kapitalismus"
an die Regierung. Doch bereits nach 2 Jahren mußten sie den "Bruch
mit diesem Sozialismuskonzept" vollziehen.
Erst nach diesem erzwungenen "praktischen Godesberg" im Jahre
1983 wurde die theoretische Revision ihres antiquierten Sozialismuskonzeptes
mehrheitsfähig. Der moderne Sozialismus bedeutet nicht mehr die "kollektive
Aneignung der Produktionsmittel" (S. 37), er ist "nicht mehr
als 'System' zu definieren", das dem "kapitalistischen System
ein System der Planwirtschaft" als Totalalternative gegenüberstellt.
(S. 23)
Im Gegensatz zu dem in Frankreichs besonders langlebigen revolutionären
Sozialismus bekennt sich Jospin ausdrücklich zum Reformsozialismus:
"Die Reform ist unsere Methode der sozialen Transformation. ... Sie
ist ein zentrales Element unserer politischen Identität: unser Sozialismus
ist reformistisch. (S. 76) (Der moderne Sozialismus in Frankreich ist
weitgehend identisch mit dem grundwerteorientierten Reformsozialismus
des Godesberger Programms, das namentlich noch einigen bekannt ist, und
dem Berliner Programm von 1989, von dem auch der Name vergessen ist. )
Im modernen Sozialismus bilden Werte den Kern der politischen Identität:
"Wenn er nicht mehr ein System ist, ist der Sozialismus ein Ensemble
von Werten, eine Vision der Geschichte, eine Zivilisation." (S. 62)
Während die Werte in einer sich verändernden Welt unverändert
bleiben müssen, können und müssen sich die Mittel verändern:
"Es sind unsere Werte, die unsere politische Identität begründen,
mehr als die einzusetzenden Mittel, um sie zu erreichen. Wenn die Ziele,
die wir mit unserem Engagement verfolgen, unverändert bleiben müssen,
so können doch die Mittel kritisch überprüft, angepaßt,
also verändert werden, wenn es die Umstände erfordern."
(S. 81 )
Die Berufung auf ein "Ensemble von Werten" bedeutet keineswegs,
dass der moderne Sozialismus, wie der Kommunitarismus, auf Kapitalismuskritik
verzichtet und nur noch moralische Appelle an die Bürger richtet:
Wenn ihr alle im Sinne gemeinschaftsorientierter Werte besser werdet,
wird alles gut werden.
Die Werte des Sozialismus, vor allem Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit,
sind auf gesellschaftliche Strukturen bezogen. Sie sind nicht Ersatz für
Kapitalismuskritik, sondern normative Grundlage sowohl für Analyse
und Kritik als auch für die Begründung von Reformprogrammen
zur Gestaltung und \/Veränderung der Gesellschaft: "Sozialist
sein heißt, eine gerechtere Gesellschaft zu bauen. Sozialist sein
bedeutet also, sich zu bemühen, die Ungleichheiten zu reduzieren.
... Wir haben die Berufung, die Gesellschaft für die Schwachen weniger
hart zu machen und von den Mächtigen mehr zu fordern." (S 47
Den Kern einer grundwerte- und praxisorientierten Kapitalismuskritik hat
Jospin erstmals am 19. Juni 1998 in Washington und am 23. Juli in London
in der einprägsamen Formel zusammengefaßt, die ein Jahr später
- was viele übersehen haben - auch in das Blair-Schröder-Papier
aufgenommen wurde: "Ja zur Marktwirtschaft, nein zur Marktgesellschaft."
Der Markt, im Neoliberalismus ebenso exaltiert vergöttert wie im
Marxismus-Leninismus verteufelt, wird im modernen Sozialismus ohne ideologische
Scheuklappen einer nüchternen kritisch-rationalen Analyse unterzogen:
"Was die Schaffung des Reichtums und die Zuteilung von Ressourcen
betrifft, so ist die Überlegenheit des Marktes über die Planwirtschaft
unbestritten bewiesen. Aber deshalb machen wir den Markt keineswegs zu
einem Wert. Der Markt ist ein Instrument - effizient und wertvoll."
(S. 63)
Aus der positiven Einschätzung des "Marktes als eine Technik
der Produktion und der Ressourcenzuteilung" (S. 83) folgt das "Ja
zur Marktwirtschaft". Doch so positiv die Rationalität des Marktes
für das Wirtschaftssystem ist, so verheerend wäre es, sie auf
die Gesamtgesellschaft und den Staat zu übertragen: "Wenn die
Rationalität des Marktes über die des Staates triumphierte,
hätte das zur Folge die Explosion der Ungleichheiten, die Auflösung
des sozialen Zusammenhalts, die Gefährdung unserer Umwelt, die Schwächung
unseres kulturellen Reichtums, den Verlust langfristiger Perspektiven,
das Vergessen eines nationalen Projekts." (S. 84) Aus der Einsicht
in die verhängnisvollen Wirkungen der Marktrationalität jenseits
des Wirtschaftssystems folgt das entschiedene "Nein zur Marktgesellschaft."
Gegen das Vordringen der Marktgesellschaft ist der Sozialismus "als
soziale Bewegung und als politische Praxis" eine "bestimmte
Art, die Gesellschaft zu regulieren und die Wirtschaft in den Dienst der
Menschen zu stellen." (S. 23) Sozialisten können sich nicht
mit einer Marktgesellschaft abfinden, in der die Menschen in den Dienst
der Wirtschaft gestellt werden und nur den "Wert" haben, den
sie als Produktionsfaktor für die Wirtschaft haben. Denn für
den Sozialismus als Humanismus ist der Mensch selbst Zweck und höchster
Wert, der in einer menschlichen Gesellschaft nicht zum Mittel für
den ''höheren" Wert des Profits degradiert werden darf.
"Eine menschliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die nicht durch
den Markt beherrscht wird. Eine Gesellschaft, deren Werte nicht der Logik
des Profits unterworfen werden, des 'immer mehr' für die, die schon
viel haben. ... Wir wollen, dass die wirtschaftliche Öffnung einher
geht mit der Berücksichtigung der sozialen Rechte, dem Schutz der
Umwelt, der kulturellen Identitäten. Eine menschliche Gesellschaft
ist eine Gesellschaft, in der nicht alles zur Ware gemacht wird. Die menschliche
Arbeit ist keine Ware. Die Werke des menschlichen Geistes können
nicht auf einfache Waren reduziert werden. ... Der menschliche Körper
ist keine Ware. ... Die Gesundheit der Menschen ist keine Ware."
(S. 103)
Die Informationen über die sozialen Folgen eines entfesselten Kapitalismus,
auch die Bekenntnisse zu sozialer Gerechtigkeit und einer menschlichen
Gesellschaft, sind auch bei uns täglich in fast allen Medien zu finden.
Und es gibt auch bei uns deutliche Meinungsverschiedenheiten über
die Bewertung dieses Prozesses, der von den einen begrüßt,
von anderen beklagt wird. Doch in den intellektuellen Diskursen ist fast
im gesamten Meinungsspektrum das deterministische Weltbild des Neoliberalismus
vorherrschend, das strukturell mit dem dogmatischen Marxismus-Leninismus
identisch ist: Die objektiven ökonomischen Naturgesetze determinieren
global die gesellschaftliche Entwicklung und lassen den Menschen keinen
Spielraum für bewußt gewählte alternative Zielsetzungen.
Sie können nur diese objektiven Gesetzmäßigkeiten erkennen,
um in Übereinstimmung mit ihnen moderne Politik zu machen. Niemand
kann gegen die Wirtschaft regieren. Denn gegen die objektiven Gesetze
der Wirtschaft ist jedes von einem demokratisch gewählten Parlament
beschlossene Gesetz nur ohnmächtiger politischer Voluntarismus. Das,
was im Marxismus-Leninismus nur Programm war, hat der Neoliberalismus
verwirklicht: "Der Mensch ohne Alternative." (Kolakowski)
Fast im gesamten Meinungsspektrum in den intellektuellen Diskursen H E
R R S C H T Konsens über eine "modernisierte" Formel des
früheren marxistischen Geschichtsoptimismus: ''Den digitalen Kapitalismus
(Glotz, bei Bebel Sozialismus) in seinem Lauf, halten weder Ochs noch
Esel auf!" Die Neoliberalen, die dies als objektive Entwicklung zum
modernen" Endziel der Geschichte bejubeln, wissen sogar, wie man
diesen sowieso unaufhaltsamen Lauf noch durch "moderne" Politik
beschleunigen kann. Auf der anderen Seite wird dieser Lauf durchaus zwar
heftig beklagt, aber zugleich darüber gejammert, dass man absolut
nichts gegen diese Entwicklung in die soziale Katastrophe tun kann.
Exemplarisch für diesen intellektuellen Fatalismus ist ein Interview
des amerikanischen Linksintellektuellen Richard Rorty in der Frankfurter
Rundschau vom 1.8.2000; "Es besteht die Gefahr, dass wir den globalen
Kapitalismus brutaler erleben werden als wir uns das je vorstellen konnten.
Aber ich sehe niemanden, der eine Vorstellung davon hätte, wie das
zu vermeiden wäre".
Diese fatalistische Haltung ist in den intellektuellen Diskursen HERRSCHENDER
Konsens, gegen den niemand verstoßen darf, der als ernstzunehmender
"moderner"' Denker akzeptiert werden möchte. (Da Günter
Grass permanent und unbelehrbar gegen diesen Konsens verstoßen hat,
wurde er in Deutschland aus diesen Diskursen ausgegrenzt)
Selbstverständlich erheben in den politischen Auseinandersetzungen
auch in Deutschland alle Parteien den Anspruch, die Globalisierung gestalten
zu wollen. Aber damit stellen sie das in den intellektuellen Diskursen
vorHERRSCHENDE deterministische neoliberale Weltbild nicht in Frage.
In Frankreich dagegen stellt die Linke jenem neoliberalen Weltbild ein
alternatives Paradigma für die Interpretation der Gesellschaft entgegen,
das ausdrücklich die Möglichkeit von Handlungsalternativen anerkennt.
(Übrigens: von Handeln überhaupt, also auch von politischem
Handeln, kann man nur sprechen, wenn es Alternativen gibt, die in gesetzmäßigen
Naturprozessen nicht vorhanden sind.)
Begünstigt durch die linke Hegemonie in den intellektuellen Diskursen
kann Jospin sein sozialistisches Reformprogramm nicht nur politisch begründen,
sondern auf der Grundlage einer alternativen Gesellschaftstheorie, die
dem neoliberalen Paradigma grundsätzlich widerspricht: "Wir
anerkennen und akzeptieren voll die Globalisierung. Aber sie ist für
uns keine objektive Fatalität. Sie ist selbst Menschenwerk."
(S. 41) Die Realität zur Kenntnis zu nehmen, darf nicht zu "Immobilismus
oder Fatalismus" führen: "Sich an die Wirklichkeit anpassen:
ja. Sich abfinden mit einem angeblich naturgegebenen kapitalistischen
Modell: nein." (S. 43)
Dem Fatalismus oder auch einem Wunschdenken setzt Jospin "einen realistischen
Voluntarismus" entgegen: "Wir wollen von der Wirklichkeit ausgehen,
um sie besser transformieren zu können." (S. 85) Die kritische
Analyse dieser Wirklichkeit hat immer das Ziel, Handlungsspielräume
für ihre Veränderung im Sinne der sozialistischen Grundwerte
zu erkennen: "Die Gesellschaft transformieren, um sie gerechter zu
machen. Wir wollen das tun, indem wir die Modernität akzeptieren,
aber auch gestalten." (S. 37) In Anspielung auf die 11. Feuerbach-These
von Marx bekennt Jospin: ''Die Welt hat sich verändert, und sie hat
uns verändert, aber wir haben nicht den Willen aufgegeben, die Welt
zu verändern." (S. 88)
Die Sozialisten als Hauptkraft der französischen Linken halten also
ausdrücklich an der gesellschaftsverändernden Zielsetzung der
sozialistischen Arbeiterbewegung fest. Und ohne den beliebten Vorwurf
des "Etatismus" zu fürchten, benennen sie den Staat als
das entscheidende Instrument, um die gesellschaftliche Entwicklung nicht
den Marktgesetzen auszuliefern, sondern durch sozialistische Reformpolitik
bewußt zu gestalten.
Bereits im Wahlkampf für die vorgezogenen Parlamentswahlen im Frühjahr
1977 hatte Jospin die zentrale Zielsetzung einer linken Regierung formuliert:
Die Autorität der politischen Macht wiederherstellen und den Bürgern
zeigen, dass sich die politische Macht nicht mit der ökonomischen
Macht identifiziert.
Allgemeines Ziel linker Politik gegen einen Siegeszug der Marktgesellschaft
ist die Schaffung eines "neuen Gleichgewichts zwischen Staat und
Markt". Zu diesem Zweck ist weiterhin ein starker öffentlicher
Sektor und öffentlicher Dienst notwendig: "Für uns ist
der öffentliche Dienst ein Wert. ... Er befindet sich im Zentrum
des sozialen Zusammenhalts. Er ist einer der Garanten der Gleichheit zwischen
den Staatsbürgern. Der öffentliche Dienst ist weder archaisch
noch überholt." Ein starkes öffentliches Rundfunk- und
Fernsehsystem "ist unverzichtbar, um die Qualität und Vielfalt
der Programme zu garantieren, um die kulturellen Leistungen zu fördern.
Es muß dazu beitragen, dass alle Zugang zum Wissen erhalten."
(S. 83)
Um die Forderung nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Staat und Markt
zu rechtfertigen, präzisiert Jospin seinen Staatsbegriff: "In
einem demokratischen Land wie dem unseren ist der Staat nicht in erster
Linie eine Bürokratie, noch weniger ein Herrschaftsinstrument. Er
ist, durch seine Regierung und sein gewähltes Parlament, das Ergebnis
der demokratischen Debatte; ... er muß sich bemühen, das allgemeine
Interesse zu verkörpern und die Forderungen der Staatsbürger
umzusetzen." (S. 84)
Gegen den neoliberalen Schlachtruf "Deregulierung" fordert Jospin
"die unverzichtbare Regulierung des Kapitalismus, die auf den politischen
Willen und die öffentliche Gewalt angewiesen ist.". (S. 35)
Diese politische Regulierung ist notwendig, weil "die Dynamik des
Kapitalismus ... eine Kraft ist, die aus sich selbst heraus weder Zielrichtung
noch Projekt oder Sinn produziert, also jene Elemente, die für eine
Gesellschaft unverzichtbar sind. Der Kapitalismus ist eine Kraft, die
fortschreitet, aber nicht weiß, wohin sie geht." (S. 39)
Besonders die für viele Länder verheerenden Finanzkrisen der
letzten Jahre haben "die Notwendigkeit einer Regulierung des Kapitalismus"
aufgezeigt. (S.40) Die Regulierung der Finanzmärkte ist notwendig,
weil der Zusammenhang zwischen den "Finanztransaktionen und der eigentlichen
Produktion bzw. der sozialen Wirklichkeit" unterbrochen worden ist.
(S. 39)
Während die Linke zeitweilig die Umverteilung in den Mittelpunkt
ihrer Politik stellte, müssen die Sozialisten jetzt sowohl durch
aktive Industriepolitik der Produktion selbst als auch der Umverteilung
im Sinne der Solidarität besondere Aufmerksamkeit widmen. Aus Schumpeters
Theorie, dass Wachstum besonders durch Innovation und Unternehmertätigkeit
gefördert wird, leitet Jospin die Schlußfolgerung ab, dass
angesichts einer technologischen Revolution und der Globalisierung "Innovation
auch zur Aufgabe des Staates wird". (S. 453
Ein "Staat als Stratege" richtet seine Anstrengungen auf künftige
Wachstumsbereiche und gibt notwendige Impulse. Daher "hat unsere
Regierung der Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien
entscheidende Unterstützung gewährt. Denn, in Frankreich, vollzog
sich ihr Aufschwung nicht spontan. Die Unternehmen zögerten mit ihrem
Engagement und der Rückstand unseres Landes vergrößerte
sich. Durch unseren politischen Willen haben wir, ohne uns an die Stelle
der eigentlichen Akteure zu setzen, die Produktion neuer Dienstleistungen,
die Gründung von Unternehmen und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen
... erleichtert." (S. 45f.) Zu dieser Innovation und zum Wachstum
hat auch beigetragen "ein Staat als Investor, der seine Verantwortung
für die Verbesserung der Infrastrukturen, der Industrieanlagen, der
Kommunikation, der Bildung, der Forschung wahrgenommen hat." (S.
46)
Eine weitere Notwendigkeit ist "der Staat, der Regeln setzt."
Im Gegensatz zur Rechten, die diesen Aufgabenbereich reduzieren möchte,
sind die Sozialisten der Meinung, dass die Befolgung der "notwendigen
Regeln dem guten Funktionieren der Marktwirtschaft" und der "ökonomischen
Effizienz" dient. (S. 46) Mit diesen Konzepten aktiver Wirtschaftspolitik
erinnert der Staat daran, "dass die Wirtschaft vor allem im Dienst
der gesamten menschlichen Gemeinschaft" steht. (S. 46)
Dem grundsätzlichen Ziel, die Wirtschaft stärker in den Dienst
der gesamten menschlichen Gemeinschaft zu stellen, dient das Reformprogramm
der Regierung. Indem sie "die Reform in den Dienst der sozialen Transformation
stellt, rehabilitiert sie "die Idee der Reform, die von der Rechten
verfälscht wurde. Für diese bedeutet Reform, den öffentlichen
Dienst abbauen, das soziale Netz reduzieren, die Errungenschaften von
Jahrzehnten des Fortschritts in Frage stellen. Für uns dagegen ...
bleibt Reform identisch mit Fortschritt." (S. 38) Kriterium für
eine "linke Wirtschaftspolitik" ist es unter diesem Gesichtspunkt,
"der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Kampf gegen soziale
Ungleichheiten Priorität zu verleihen". (S. 82) (Dagegen behauptet
die neoliberale Ideologie, gerade die Vertiefung der sozialen Ungleichheiten
und der Abbau des sozialen Schutzes dienten der Schaffung von Arbeitsplätzen.)
Im Gegensalz zur verschleiernden neoliberalen Ideologie. die in der Gesellschaft
nur das Neben- und Gegeneinander gleichberechtigter Individuen sieht,
gelangen die französischen Sozialisten auf der Grundlage empirischer
Analysen zu einem anderen Bild von der Struktur der Gesellschaft: "Die
französische Gesellschaft bleibt in Klassen strukturiert, selbst
wenn ihre Grenzen oft weniger deutlich sind und sich verschieben."
(S. 106) Auf diesem empirischen Hintergrund fragen die Sozialisten zunächst
nicht, mit welchem Image und welcher Werbeagentur können wir auf
dem Wählermarkt einen möglichst hohen Marktanteil für unser
Warenangebot gewinnen. Sie fragen vielmehr nach der sozialen Lage und
den Interessen der Menschen, mit deren Unterstützung und für
die sie ein linkes Reformprogramm umsetzen wollen.
Da eine breite Wählerbasis nicht homogen ist und auch nicht a priori
identische Interessen hat, muss erst durch die öffentliche Diskussion
und Uberzeugungsarbeit eine Interessenkonvergenz zwischen unterschiedlichen
sozialen Gruppen oder Klassen hergestellt werden, um "ein neues Bündnis"
zu schaffen. Jospin will mit seinem Reformprogramm drei Klassen ansprechen
und zusammenführen, und zwar "die Ausgegrenzten (les exclus),
die breiten Volksschichten (les classes populaires) und die Mittelschichten
(les classes moyennes ) (S. 106) obwohl sich die breiten Volksschichten
verändert haben, "gibt es in Frankreich immer noch, auch wenn
das Wort nicht mehr verwendet wird, eine 'Arbeiterklasse'. Früher
im zweiten, industriellen Sektor konzentriert, befinden sich diese Schichten
heute auch im Dienstleistungssektor. Es sind Menschen, die unter schlechten
Bedingungen hart arbeiten und wenig verdienen." (S. 107) Gegenwärtig
muß sich aber die Linke auch mehr als bisher um die Mittelschichten
kümmern, "eine Gruppe von vorwiegend Gehaltsempfängern,
in sich sehr differenziert, die eine wachsende Rolle in der französischen
Gesellschaft spielt". (S. 107)
Diese drei Klassen, die durchaus jeweils spezifische, manchmal divergierende
Interessen haben, haben auch gemeinsame Sorgen und Ziele: "Die Schaffung
von Arbeitsplätzen, den Rückgang unsicherer Lebensverhältnisse,
die Verbesserung des Bildungssystems, die Konsolidierung der sozialen
Sicherheit. Sie können sich also in unserem Projekt der sozialen
Transformation wiederfinden." (S. 1 07f.)
Für die "Ausgegrenzten" betreibt die Regierung eine "PoIitik
der bewußten Integration", und zwar "durch die Schule,
die Arbeit und die Beteiligung an der öffentlichen demokratischen
Debatte", um aus Individuen "Bürger einer gleichen Gemeinschaft
zu machen." (S. 106) Zur praktischen Umsetzung dieses Integrationszieles
verweist Jospin auf die Erhöhung der Ausgaben für das Bildungssystem,
die Schulreform, das "Gesetz gegen Ausgrenzungen", die Ausweitung
des Krankenversicherungsschusses auf bisher benachteiligte Bevölkerungsgruppen.
(Finanziert wird diese Ausweitung der sozialen Sicherheit nicht durch
erhöhte Abgaben auf Arbeitseinkommen, sondern eine Erhöhung
der allgemeinen Sozialabgaben auf alle Einkommen, also auch Unternehmergewinne.)
Für die breiten Volksschichten, "die hart arbeiten und wenig
verdienen", hat die Linksregierung im Jahr 2000 die Steuern, die
die Rechte kräftig erhöht hatte, reduziert. Dabei wurde die
Besteuerung gerechter gestaltet, und zwar zugunsten der Einkommen für
Arbeit und zu Lasten der Kapitaleinkommen. Das diente zugleich der Steigerung
der "Kaufkraft und der sozialen Gerechtigkeit", (S. 109)
Wenn französische Sozialisten von ihren Erfolgen sprechen, betonen
sie immer wieder, dass diese das Ergebnis eines politischen Willens und
einer bestimmten Politik sind: Die nachfrageorientierte Politik zur Belebung
der Binnennachfrage trug bei zu höherem Konsum, zur Schaffung von
Arbeitsplätzen und Einkommen, zu höherer Investitionstätigkeit,
zu höherem Wachstum und zu höheren Steuereinnahmen. So konnte
die Regierung am 31. August "das größte Steuersenkungsprogramm
in der Geschichte der Fünften Republik" (FAZ 1. 9. 2000) ankündigen,
das die Bürger um rund 60 Milliarden DM entlastet.
Im wirtschaftlichen Erfolg Frankreichs, das höhere Wachstumsraten
aufweist als die anderen großen europäischen Staaten, sieht
Marisol Touraine, Abgeordnete und Nationale Sekretärin Für Solidarität
der Sozialistischen Partei, einen Beweis "für die Gültigkeit
eines erneuerten Keynesianismus." (Mansol Touraine, Un nouveau compromis
socIal, in: ebd., S. 86 Ebd., S. 86) Um wirtschaftliche Aktivitäten
und Unternehmergeist zu ermutigen, brauchen soziale Schutzrechte nicht
abgebaut zu werden. "Kein 'ökonomisches Gesetz' zwingt dazu,
die Lohnempfänger auf dem Altar der Effizienz zu opfern." (ebd.
S. 86)
Das Ziel der Linksregierung, "ein neues Gleichgewicht zwischen Staat
und Markt wiederherzustellen" ist identisch mit der Verteidigung
des europäischen Sozialstaatsmodells gegen das Vordringen des neoamerikanischen
asozialen Kapitalismus. Wenn das gelingt, auf europäischer Ebene,
dann kann es nicht mehr heißen: Niemand kann gegen die Wirtschaft
regieren, dann muß gelten: In einem demokratischen Staat muß
die Wirtschaft den demokratischen Willen der Mehrheit respektieren, so
dass sie nicht gegen die demokratisch legitimierte Politik "wirtschaften"
kann. Die kleine Minderheit der ökonomischen Machtelite genießt
zwar "Minderheitenschutz, aber kein Vetorecht gegen demokratische
Mehrheitsentscheidungen.
Wegen der linken intellektuellen Hegemonie in Frankreich steht die Politik
der Regierung unter Druck von links, während sie in Deutschland wegen
der rechten intellektuellen Hegemonie unter Druck von rechts steht. Auf
diesem Hintergrund läßt sich das Fazit begründen: Die
Reformpolitik der französischen Regierung ist nicht erfolgreich,
obwohl sie links und sozialistisch ist, sondern gerade weil sie sich selbstbewusst
zu ihrer linken und sozialistischen Überzeugung bekennt.
Anmerkungen:
3}
4)
Die im laufenden Text in Klemmern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich
auf diese 4 Beiträge Jospins in der oben angegebenen Publikation
der Fondation Jean~Jaurös.
5) Jean Pisani-Ferry, Vérités, bravades et silence ...,
in: Blair-Schröder - Le texte du "manifeste" - Les analyses
critiques. Les Notes de la Fondation JeanJaurès, No. 13 août
1999, S. 70 f.
S) Mansol Touraine, Un nouveau compromis socIal, in: ebd., S. 86 Ebd.,
S. 86
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