|
Marginalisierung als Folge sozialräumlichen Wandels in der Großstadt
Von Hartmut Häußermann
Hartmut Häußermann, Professor für Soziologie an der
Humboldt-Universität zu Berlin
1. Marginalisierung und Wandel der Großstadt
Exklusion oder Ausgrenzung' sind Begriffe, mit denen seit einigen
Jahren neue Formen von Ungleichheit in den Großstädten bezeichnet
werden. Gegennüber den traditionellen Formen von Armut, die einem
ziemlich genau definierten Zustand entsprachen, stellt Ausgrenzung einen
Prozeß dar, in dessen Verlauf Individuen oder Haushalte von den
durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung
sich entfernen bzw. entfernt werden: in ökonomischer Hinsicht, indem
sie keinen Zutritt zum Arbeitsmarkt mehr finden; in institutioneller Hinsicht,
indem sich zwischen ihnen und den politischen bzw. sozialstaatlichen Institutionen
unüberwindliche Schranken aufbauen; in kultureller Hinsicht, wenn
Stigmatisierung und Diskriminierung zum Verlust des Selbstwertgefühls
und zum Verlust der moralischen Qualifikationen führen, die für
ein integriertes Leben Voraussetzung sind; und schließlich in sozialer
Hinsicht, wenn durch soziale Isolation und das Leben in einem geschlossenen
Milieu die Brücken zur normalen' Gesellschaft verloren gegangen
sind. Der Ausgrenzungsprozeß erreicht seine stärkste Ausprägung,
wenn Individuen oder Haushalte in allen vier Dimensionen weit von der
Mitte der Gesellschaft entfernt sind - und wenn dies mit einer inneren
Kündigung' gegenüber der Gesellschaft zusammentrifft, die sich
in Resignation, Apathie und Rückzug äußert. Von der Gesellschaft
im Stich gelassen, erwarten die Betroffenen auch nichts mehr und verhalten
sich entsprechend.
Verschiedene Bevölkerungsgruppen sind von Ausgrenzungsprozessen auf
verschiedene Weise betroffen. Als erstes sind Arbeitslose zu nennen, bei
denen sich die Arbeitslosigkeit verfestigt, was sich in steigenden Zahlen
von Dauerarbeitslosen zeigt; zum zweiten ergeben sich wachsende Abstiegsrisiken
aus dem Wandel der Familien- und Haushaltsstrukturen, weil angesichts
immer kleiner werdender Familien und der Zunahme von individualisierten
Lebensformen die Auffangmöglichkeiten durch die informellen Netze
von Familie und Verwandtschaft geringer werden; daher gehören die
alleinerziehenden Mütter zu den Gruppen, die von dauerhafter Armut
bedroht sind; zum dritten können Zuwanderer und ethnische Minderheiten
Ausgrenzungsprozessen ausgesetzt sein, weil bei ihnen fehlende politische
Rechte und soziale bzw. kulturelle Marginalisierung zusammentreffen (vgl.
Bremer/Gestring, 1997).
Neben den sozialen Risiken ist in jüngerer Zeit in unseren Städten
die Herausbildung von sozialräumlichen Konstellationen zu beobachten,
die selbst zur Ursache für Benachteiligung und Ausgrenzung werden
können: eine stärkere räumliche Segregation, die mit einer
Konzentration von marginalisierten Bevölkerungsgruppen in bestimmten
Quartieren verbunden ist. Ausgrenzungsprozesse durch eine stärkere
soziale Segregation in den Großstädten ergeben sich aus dem
Zusammenwirken von drei Trends, die aus dem ökonomischen und sozialen
Wandel der Großstädte resultieren: a) auf dem Arbeitsmarkt
gehen in den Städten die Erwerbsmöglichkeiten für unqualifizierte
Arbeiter verloren, weil Industriearbeitsplätze in großer Zahl
abgebaut wurden; der wachsende Dienstleistungsbereich nimmt nicht genug
bzw. nicht die auf, die infolge der Deindustrialisierung arbeitslos geworden
sind; b) aufgrund der Finanznot der Städte, die sich aus dem steigenden
Finanzbedarf für Sozialtransfers bei sinkenden Steuereinnahmen ergibt,
werden soziale Leistungen reduziert bzw. zumindest nicht in dem Maße
ausgebaut, wie es angesichts wachsender Notlagen nötig wäre;
c) durch den Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung und angesichts
steigender Wahlmöglichkeiten beim Wohnstandort für Haushalte
mit einem stabilen Einkommen lösen sich die sozial gemischten Quartiere
auf, und eine stärkere Sortierung der Wohnbevölkerung nach Einkommen,
Lebensstil und Nationalität in verschiedenen Quartieren findet statt.
Quartiere, in die die Verlierer des sozio-ökonomischen Wandels abgedrängt
werden, können - wenn erst einmal eine gewisses Niveau der segregation
erreicht wurde und sich dies verfetstigt hat - zu Orten einer sozialer
Exklusion werden.
2. Die Ursachen
Die Ursachen für die Herausbildung von problembeladenen Quartieren
liegen in einer wachsenden sozialen Ungleichheit der Bevölkerung
bei gleichzeitiger Deregulierung der Wohnungsversorgung. In einer Periode,
in der sich die Ungleichheit der Bewohner nach Einkommen und ethnischer
Zugehörigkeit stärker ausfächert, wird die Wohnungsversorgung
stärker dem Markt überlassen, und damit spiegelt sich soziale
Ungleichheit, die zunimmt, deutlicher in der sozialräumlichen Struktur
der Städte.
Die soziale Entwicklung in den westlichen Großstädten - von
Berlin bis New York - wird seit einigen Jahren mit Begriffen wie Dualisierung
bzw. Spaltung gekennzeichnet (vgl. Fainstein/Gordon/Harloe 1992). Damit
wird ein Wandel der Sozialstruktur der Großstädte benannt,
der sich aus dem ökonomischen Strukturwandel, der Denationalisierung
von ökonomischen Regulierungen und aus dem Abbau sozialstaatlicher
Fürsorge ergibt.
Neben der großen Zahl von Arbeitslosen haben auch manche Beschäftigten
Einkommensverluste hinzunehmen, so dass die Realeinkommen eines großen
Teils der Bevölkerung sinken. Auf der anderen Seite gibt es aber
(in den sog. unternehmensorientierten Dienstleistungen, zu denen z.B.
EDV, Werbung, Marketing, Unternehmensberater und Kommunikationsdienste
gehören) auch eine wachsende Zahl von Stadtbewohnern, die sehr hohe
Einkommen beziehen. Wir haben es also mit einer Spreizung der Einkommensverteilung
und - weil die mittleren Segmente quantitativ an Bedeutung verlieren -
mit einer Polarisierung der Einkommensstruktur zu tun (vgl. dazu das Beispiel
Hamburg bei: Alisch/Dangschat.) Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie
ist vermutlich generell mit einer stärkeren Einkommensdifferenzierung
und verbunden (vgl. dazu Häußermann/Siebel, Frankfurt/Main
1995).
Hübinger (Hübinger 1999) hat gezeigt, dass etwas 40 % der Bevölkerung
unterhalb der "Wohlstandsschwelle" leben, also unterhalb jenes
Einkommensniveaus, das nicht zu spürbaren Notlagen führt.
Noch ist die Tatsache nicht hinreichend ins breite Bewusstsein von Stadtbewohnern
und Stadtpolitikern gedrungen, dass der Anteil von Bewohnern, die im kulturellen
und/oder rechtlichen Sinne Zuwanderer sind, laufend zunimmt, selbst dann,
wenn kein einziger Zuwanderer mehr über die Grenzen nach Deutschland
gelangen kann - und daß dieser Prozeß einer poliitschen Steuerung
bedarf, wenn nicht erhebliche Konflikte und Nachteile für die Bewohner
von Einwanderervierteln entstehen sollen. Die Zuwandererbevölkerung
ist jünger, lebt häufiger in Familien und hat deshalb häufiger
Kinder.
Die kulturelle Heterogenität der Stadtbevölkerung wird also
zunehmen, die Anteile von Bewohnern mit einem nicht-deutschen kulturellen
Hintergrund werden in einigen Quartieren in allen Großstädten
sehr hoch sein. Gleichzeitig verringert der ökonomische Strukturwandel
aber gerade jenes Beschäftigungssegment, das in der Vergangenheit
die meisten Zuwanderer aufgenommen hat: die unqualifizierte Arbeit in
den Fabriken. Die Großstadtbevölkerung wird also heterogener,
und die Konkurrenz um Arbeitsplätze wird schärfer. Sie wird
in Zukunft wohl vor allem über Qualifikationen ausgetragen.
Selektive Mobilität
In den Großstädten bilden sich Quartiere heraus, in denen sich
die Überflüssigen' konzentrieren: die marginalisierten
Einheimischen und die diskriminierten Zuwanderer, die in den besseren'
Vierteln keine Wohnung (mehr) finden (empirische Analysen finden sich
in der Berliner Untersuchung Sozialorientierte Stadtentwicklung',
herausgegeben von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz
und Technologie, Berlin 1998, und für Hamburg vgl. Alisch/Dangschat:,
S. 111 ff.) Zur Konzentration trägt zusätzlich die Abwanderung
von Haushalten, die am ja immer noch vorhandenen Wohlstand in unserem
Lande teilhaben, aus diesen Quartieren bei. Sie streben an Wohnstandorte,
die am Rande oder außerhalb der Großstädte ("im
Grünen") liegen. Die Gründe dafür sind die mangelhaften
Umweltqualitäten in den dichten Großstadtgebieten, der Wunsch
nach privater Grünfläche um das Haus (insbesondere dann, wenn
Kinder zum Haushalt gehören) - und schließlich immer häufiger
der Wunsch, sich von Nachbarn distanzieren zu können, deren Kultur
und Lebensgewohnheiten man nicht mag. Für jeden freiwillig abgewanderten
Haushalt zieht einer nach, der wegen seines Einkommens oder wegen kultureller
Diskriminierung keine andere Wahl hat.
Kulturelle Konflikte sind besonders heftig in den Schulen, wenn die Anteile
von Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache den Status einer Minderheit
übersteigen. Ob berechtigt oder nicht, die Sorge der Eltern um die
Bildungszukunft ihrer Kinder führt zur Abwanderung derer, die über
die materiellen Voraussetzungen dafür verfügen, wenn die Schule
sich nicht in der Lage zeigt, mit den wachsenden Anforderungen einer multikulturellen
Schülerschaft produktiv umzugehen.
Das Ende des sozialen Mietwohnungsbaus
Ende der 80er Jahr hat die Bundesregierung verkündet, dass es nicht
mehr notwendig sei, den sozialen Mietwohnungsbau weiter zu fördern,
so dass inzwischen ein Prozess der rapiden Schrumpfung dieser Bestände
eingesetzt hat. Da jährlich über 100.000 Wohnungen aus den Sozialbindungen
herausfallen, neue jedoch kaum gebaut werden, ist der Bestand von 4 Mio.
Sozialwohnungen (1980) auf inzwischen 1,9 Mio. gefallen, und er wird innerhalb
weniger Jahre auf einen Restbestand absinken. Die Wohnungsbaugesellschaften,
die sich in öffentlichem Eigentum befinden, sind von der Politik
aufgefordert, Wohnungen zu verkaufen, um die Eigentumsquote im Lande zu
erhöhen. Dabei werden in der Regel die attraktivsten Bestände
privatisiert und die Bestände, die für die Aufnahme der bedürftigsten
Mieter bereitgestellt werden, quantitativ verringert und räumlich
konzentriert - und damit stigmatisiert. Die Erfahrungen aus Großbritannien
könnten eigentlich davor bewahren, die gleichen Fehler auch in Deutschland
zu machen (vgl. Forrest/ Murie 1988)
Die Modernisierung von Altbauwohnungen verringert zudem das Angebot an
billigen Wohnungen im privaten Sektor. Während also die Zahl derjenigen
Haushalte wächst, die aufgrund ihrer Einkommenssituation sich am
normalen Wohnungsmarkt nicht adäquat versorgen können, schrumpft
das Angebot, das genau für diese Situation entwickelt worden war.
Das kleiner gewordene Angebot an Sozialwohnungen konzentriert sich räumlich
in den jüngeren Beständen, die am Rande der Großstädte
errichtet worden sind. Diese können deshalb die Ghettos des 21. Jahrhunderts
werden. Eine vom Gesamtverband der Wohnungswirtschaft e.V. (GdW), in dem
überwiegend die ehemals gemeinnützigen und/oder öffentlichen
Wohnungsbaugesellschaften repräsentiert sind, in Auftrag gegebene
Studie trägt den Titel Überforderte Nachbarschaften' und
beschreibt die "soziale und ökonomische Erosion in den Großsiedlungen"
in Westdeutschland. Die Situation in den ostdeutschen Großsiedlungen
wird dagegen noch als vergleichsweise harmlos dargestellt. Auf innerstädtische
Probleme geht der GdW gar nicht ein, weil sich dort keine großen
Bestände seiner Mitglieder befinden
Der Fahrstuhleffekt
Sozial selektive Weg- und Zuzüge sind nur eine Variante der Entstehung
einer Konzentration von problembeladenen Haushalten, die andere ist eine
Folge der Arbeitsmarktkrise. Dafür gibt es in den Großstädten
heute viele Beispiele: Gebiete, in denen vorwiegend gering qualifizierte
Industriearbeiter gewohnt haben (Arbeiterviertel'), erleben einen
kollektiven Abstieg dadurch, daß die Fabrikarbeitsplätze verschwunden
und die Arbeiter arbeitslos geworden sind. Plakativ formuliert: aus einem
Arbeiterquartier wird dann ein Arbeitslosenquartier. Die Kaufkraft nimmt
ab, die sichtbare Armut nimmt zu, Läden werden geschlossen bzw. verändern
ihr Angebot in Richtung Billigstwaren, und insgesamt verschlechtert sich
das Klima'.
Soziale Ungleichheit setzt sich - wenn es keine sozialstaatliche Intervention
gibt -in sozialräumliche Segregation um; diese führt zu sich
selbst verstärkenden Prozessen sozialer Selektion, an deren Ende
Quartiere stehen, die von einer kumulativen Abwärtsentwicklung betroffen
sind: Mit jeder Stufe der Verschärfung der sozialen Probleme verlassen
diejenigen Haushalte, die noch über Wahlmöglichkeiten verfügen,
die Quartiere, womit dann die Konzentration und Dichte sozialer Problemlagen
weiter zunimmt. Das ist ein Prozeß der Abwärtsentwicklung',
der sich selbst laufend verstärkt, wenn er nicht durch koordinierte
Anstrengungen von Bewohnern, Eigentümern, Gewerbetreibenden und Stadtpolitikern
unterbrochen wird.
3. Das Beispiel Berlin
In Berlin haben sich seit November 1989 die Bedingungen für jene
Prozesse, aus denen sich die sozialräumliche Struktur einer Stadt
ergibt, so grundlegend verändert, daß ein Wandel der Bevölkerungsverteilung
auf die verschiedenen Stadtgebiete unvermeidlich ist.
Die Mauer ist weg, und damit sind nicht nur Umzüge zwischen den beiden
Stadthälften sondern auch ins Umland möglich geworden. Im Osten
waren die Wohnungen vor 1990 den Haushalten von der Kommunalen Wohnungsverwaltung
(KWV) zugeteilt worden, nach der Wende konnten sie plötzlich selbst
darüber entscheiden, wo sie wohnen wollen. Auch traten wieder private
Vermieter auf den Plan, die sich die Mieter nach anderen Kalkülen
aussuchen als eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft. Innerhalb der Jahre
1990 bis 2000 sind außerdem in Berlin insgesamt über 100.000
Wohnungen neu gebaut worden.
Die Wohngebiete konnten von dem die ganze Stadt ergreifenden Wandel nicht
unberührt bleiben. Insbesondere Kreuzberg, da waren sich die Experten
einig, würde von den Angestellten der neuen Dienstleistungsunternehmen
überfallen und gentrifiziert werden, weil dieser Stadtteil so günstig
zum neuen Zentrum liegt. Auch für die Altbaugebiete, die im Osten
an die Mitte grenzen, wurde eine rasche Gentrification vorhergesagt bzw.
befürchtet. 'Befürchtet' deshalb, weil man die soziale Mischung
der Wohnbevölkerung in den ostberliner Altbaugebieten durch spekulative
Sanierungs- und Modernisierungsaktivitäten in Gefahr sah. Daher wurde
fast der gesamte Bezirk Prenzlauer Berg mit besonderem Städtebaurecht
(Sanierungs- oder Milieuschutzsatzungen) überzogen. Die ansässige
Bevölkerung sollte gegen Verdrängung geschützt werden,
den Investoren wurden daher straffe Zügel angelegt.
Die Mieten im Westteil stiegen bei Neuvermietungen nach 1990 in bis dahin
ungekannte Höhen, und auch dort wurde jetzt in Erwartung einer gestiegenen
und zahlungsbereiten Nachfrage wieder mehr in die Altbauten investiert.
Kurzum: die ganze Stadt richtete sich auf Bevölkerungszuwachs und
ein kaufkräftiges Publikum ein.
Doch es kam anders. Bis 1994 nahm die Bevökerungszahl tatsächlich
zu, seitdem geht sie zurück, seit 1996 ist sogar der Wanderungssaldo
negativ, d.h. es verlassen mehr Menschen die Stadt als zuziehen. Und die
Steigerung der Kaufkraft blieb bisher ebenfalls aus. Der Zusammenbruch
der DDR-Wirtschaft und die Beendigung der Subventionen für die westberliner
Industrie haben zwischen 1990 und 1995 zum Verlust von etwa 50% der industriellen
Arbeitsplätze in der Stadt geführt. Die Lohn- und Gehaltseinkommen
im Ostteil liegen bis heute ungefähr bei 80% der westdeutschen, und
die Westberliner haben durch den Wegfall der Berlin-Zulage, die bis Anfang
der 90er Jahre an jeden Erwerbstätigen bezahlt worden war, reale
Einkommensverluste hinnehmen müssen. Zwar gibt es auch Wachstumssektoren
in Berlin, insbesondere im Bereich von Dienstleistungen, aber der Umbau
der Berliner Wirtschaft führt zu einer erheblich veränderten
Beschäftigungsstruktur: gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie
sind verschwunden, hinzu kommen sehr hoch dotierte sowie sehr schlecht
bezahlte Dienstleistungsarbeitsplätze - und weil dies nicht so viele
sind, steigt die Arbeitslosigkeit.
3.1. Selektive Mobilität
Die Häufigkeit von Umzügen innerhalb der Stadt hat sich seit
der Vereinigung jährlich deutlich erhöht. Diese Dynamik ist
in den Innenstadtbereichen am größten. Im Ergebnis führen
diese Umzüge zu einer Abnahme der Einwohnerzahl in den innerstädtischen
Bereichen und zu einer Zunahme in den Außenbezirken. Von den Randwanderern
bleiben zwar die meisten noch innerhalb der Stadtgrenzen, aber die Wanderungsverluste
gegenüber dem Umland nehmen Jahr für Jahr zu. Zuwanderer in
die innerstädtischen Bereiche sind vor allem jüngere Menschen,
überproportional viele aus dem Ausland.
Im Westteil hat sich durch die Umzüge und die Investitionen seit
der Vereinigung in keinem Bezirk das soziale Profil verändert. Die
historisch angelegten Sozialprofile haben sich seit der Wende noch stärker
ausgeprägt. Das heißt beispielhaft: Kreuzberg wurde nicht gentrifiziert,
vielmehr nehmen die Anteile von Sozialhilfeempfängern zu; die Armutsbveölkerung
erhält ein größeres Gewicht. Im Wedding haben die Anteile
der Niedrigverdiener zugenommen und die der höheren Einkommensgruppen
abgenommen. Dagegen wohnen in Zehlendorf heute noch weniger Leute mit
geringen Einkommen als noch vor zehn Jahren - insgeamt deutliche Tendenzen
einer sozialen Entmischung.
Die östlichen Innenstadtbereiche weisen eine strukturell gleiche
Entwicklung wie die westlichen Innenstadtbereiche auf: durch Wanderungen
verändert sich die soziale Zusammensetzung in eine ähnliche
Richtung wie im Westen, die selektive Wirkung der Mobilität ist sogar
noch schärfer ausgeprägt. Allerdings führte dies bisher
nicht zu den gleichen Ergebnissen, weil die Ausgangssituation im Jahre
1990 sehr verschieden war. Angesichts gestiegener Wahlmöglichkeiten
streben aber nun auch in den Ostbezirken die Familien mit Kindern, wenn
sie über das entsprechende Einkommen verfügen, in die weniger
dicht besiedelten Randbezirke oder ins Umland.
Für die Großsiedlungen und auch für die kleineren Wohnkomplexe
des sozialen Wohnungsbaus im Westteil wird seitens der Wohnungsbaugesellschaften
und der Bezirksverwaltungen ebenfalls eine sozial selektive Entwicklung
durch Umzugsbewegungen berichtet, die auf die Belastungen durch die Fehlbelegungsabgabe
und die niedrigen Einkommensgrenzen bei der Bezugsberechtigung zurückzuführen
sei. Für einkommensschwache Haushalte, die knapp über der Einkommensgrenze
liegen, scheint die Miete zu hoch zu sein. Die relativ hohen Mieten können
dagegen von so armen Haushalten übernommen werden, bei denen das
Sozialamt die Miete bezahlt. Dadurch findet gegenwärtig ein sozialer
Erosionsprozeß statt, der sich vor allem in den innerstädtischen
Sozialwohnungsbeständen in einer räumlichen Konzentration von
Haushalten bemerkbar macht, die von staatlichen Transfers abhängig
sind.
Die Großsiedlungen im Ostteil (Plattenbausiedlungen) werden von
den Haushalten mit höheren Einkommen verlassen - sie ziehen entweder
in kleinere Neubauten in der Nähe oder ins Umland. In die freiwerdenden
Plattenbauwohnungen rücken einkommensschwache Haushalte nach, darunter
viele Einwandererfamilien, die über Wohnberechtigungen für große
Wohnungen verfügen, die dort ansonsten schwer vermietbar sind . Die
Situation in den großen Plattenbausiedlungen am Stadtrand ist also
einerseits geprägt von einem Entmischungsprozeß, in dessen
Verlauf sich die DDR-typische soziale Mischung entdifferenziert; dies
kann als Anpassung an einen Verteilungsprozeß angesehen werden,
in welchem die Haushalte ihren Wohnstandort - im Rahmen ihrer Kaufkraft
- selber wählen können. Denn unter diesen Umständen stellen
die standardisierten Neubauwohnungen in Großsiedlungen nie das Ende
der Wohnkarrieren von Haushalten dar, die sich aufgrund ihres Einkommens
andere Wohnformen bzw. andere Standorte leisten können.
Dieser Abwanderungsstrom, typisch für die Gründerzeitquartiere,
zeigt sich bereits jetzt auch in den Altbauquartieren im Osten. Von dort
ziehen überproportional viele Familien weg, wenn sie das Einkommen
haben, um sich eine besser ausgestattete Wohnung in einer Gegend mit angenehmerem
Wohnumfeld zu mieten oder zu kaufen. Zwar gibt es in den Bezirken Prenzlauer
Berg und Friedrichshain einige Inseln der Aufwertung, die mit sozialer
Altbauquartiere der gleiche Erosionsprozeß wie für die Westberliner:
bei einer hohen Umzugsdynamik ergibt sich ein sozialer Wandel hin zur
Dominanz von Haushalten, die von staatlichen Transfers abhängig sind
- und dazu gehören auch große Teile der Zuwanderer. Erwächst
daraus ein besonderes Problem?
3.2. Übergangszonen oder Sackgassen?
Traditionell sind die Innenstadtgebiete 'Orte des Übergangs', d.h.
dort haben sich immer die Zuwanderer -aus dem In- und Ausland - zuerst
niedergelassen. Der Prozeß der Integration in die Stadtgesellschaft
war dann in der Regel verbunden mit einer Randwanderung des Haushalts,
heraus aus den dichten und alten Quartieren in die 'besseren' Viertel.
Dieser Vorgang - gedacht als permanente Bewegung - ist in den Stadtentwicklungsmodellen
der Chicagoer Schule der sozialökologischen Stadtsoziologie zur Grundlage
einer Stadtentwicklungstheorie geworden (vgl. Friedrichs 1995), in der
innerstädtischen Altbaugebiete als 'Zone of Transition' bezeichnet
wurden. Diese Theorie passt auf die Entwicklung der wachsenden Stadt,
in der sich aus Zuwanderung, Arbeitsplatzwachstum und sozialem Aufstieg
der Individuen ein räumliches Entwicklungsmuster mit einem aufsteigenden
sozialen Gefälle von der Stadtmitte zur Peripherie ergibt.
Die zuvor skizzierten und in Berlin heute zu beobachtenden Trends entsprechend
diesem Muster nur noch zeilweise: passend ist der negative Wanderungssaldo
von Erwerbstätigen in den innerstädtischen Quartieren, der anzeigt,
daß dort mehr Erwerbstätige weg- als zuziehen. Aber in dieses
Bild passt nicht, daß aus den Randbezirken nicht-erwerbstätige
Personen wegziehen - nach der sozialökologischen Theorie, die ganz
auf Marktprozessen basiert, hätten die dort gar nicht wohnen dürfen.
Europäische Städte lassen sich generell schlechter als amerikanische
Städte mit diesem Modell beschreiben, weil es in den meisten Ländern
einen staatlich subventionierten Sektor ('sozialer Wohnungsbau') gibt,
bei dem sich Qualität und Standort nicht aus der Kaufkraft der Bewohner
ergeben. In Berlin speziell war durch den hohen Anteil staatlicher Finanzierung
im Wohnungsbau, durch die Mietenregulierung und auch durch die besondere
Baustruktur der Mietskasernengebiete die sozialräumliche Segregation
nicht so ausgesprägt wie in einer Stadt, wo vor allem der Markt die
Höhe der Mieten und die Verteilung der Wohnungen bestimmt. In West-Berlin
betrug 1990 der Anteil des sozialen Wohnungsbaus an der gesamten Wohnungsversorgung
ca. 40%, in Ost-Berlin unterlag der gesamte Wohnungsbestand staatlicher
Kontrolle. In beiden Teilen der Stadt sind nun die Weichen seit der Vereinigung
eindeutig in Richtung 'mehr Markt' gestellt. Die Restitution von Privateigentum
und der Verkauf von Plattenbauwohnungen im Osten, der Verkauf von Sozialwohnungen
im Westen wurden nach 1990 zur Entstaatlichung der Wohnungsversorgung
eingeleitet; das Ende der Förderung von Mietwohnungsbau sowie eine
verstärkte Förderung der Eigentumsbildung markieren einen 'Paradigmenwechsel'
in der Wohnungspolitik, der Implikationen für die sozialräumliche
Struktur hat.
Zuvor haben wir bereits gesagt, daß sich trotz der Veränderungen
in der Lagegunst bei keinem Gebiet das soziale Profil geändert hat,
sondern daß sich das bereits zuvor angelegte schärfer herausbildet:
Gentrification dort, wo bereits die Gentry wohnt; starker Ausländerzuzug
dort, wo bereits die Konzentration von Ausländern hoch ist; Zuzug
von Erwerbslosen dort, wo bereits viele Bewohner arbeitslos sind; Wegzug
der Familien dort, wo schon jetzt nur noch wenige wohnen. In diesen Entwicklungen
zeigt sich eine Tendenz zur sozialräumlichen Polarisierung: die Auftsteiger
verlassen die hetrogenen, von sozialen Problemen gekennzeichneten Innenstädte,
und umgekehrt werden die Nischen für unterprivilegierte Sozialgruppen
in den Wohngebieten der Mittelschicht knapper. Damit verändert sich
auch das Muster der Stadtentwicklung: die Umzugsbewegungen vom Zentrum
zur Peripherie sind nicht mehr Ausdruck eines allgemeinen sozialen Aufstiegs,
weil nicht mehr alle daran teilhaben können, und weil es immer häufiger
auch die Bewegung in die umgekehrte Richtung gibt. Aus den innerstädtischen
Übergangszonen werden Sackgassen.
In amerikanischen Städten sind solche 'dead ends' eindringlich beschrieben
und als 'Hypergettos' bezeichnet worden (z.B. Wacquant/Wilson 1989), und
in den Verstärkereffekten der residentiellen Segregation werden die
Grundlagen für eine neue 'urban underclass' gesehen (vgl. Mingione
1996, Häußermann 1997, Kronauer 1997).
3.3. Gebiete mit problematischen Entwicklungstendenzen
Insgesamt zeichnet sich im Stadtgebiet von Berlin ein stärkerer Sortierungsprozeß
nach Einkommen, Nationalität und Familienstand ab als vor 1990 in
den getrennten Teilen West- und Ost-Berlin. Die soziale Segregation in
der Stadt nimmt durch selektive Mobilität von Jahr zu Jahr zu. Die
beobachteten Veränderungen führen im Westteil zu einer klareren
Profilierung bereits zuvor angelegter sozialräumlicher Ungleichheiten,
d.h. daß dort, wo bereits in der Vergangenheit hohe Anteile von
Armen wohnten, nun noch mehr Arme wohnen, und daß dort, wo bereits
in der Vergangenheit die höchsten Anteile von hoher Bildung und hohem
Einkommen zu beobachten waren, diese Anteile noch zunehmen. Im Ostteil
lösen sich die durch die staatliche Wohnungszuweisung entstandenen
vergleichsweise heterogenen sozialräumlichen Strukturen durch selektive
Migration langsam auf.
Anhand der Analyse von Bevölkerungsdaten lassen sich neben den Großsiedlungen
in Ostberlin (Plattenbausiedlungen) drei andere Gebietstypen erkennen,
die durch einen sozialen Entmischungsprozeß gekennzeichnet sind:
1. innerstädtische Altbaugebiete in Westberlin; 2. innerstädtische
Altbaugebiete in Ostberlin; 3. Wohnkomplexe des sozialen Wohnungsbaus
in Westberlin; 4.
- Für die Wohnkomplexe des sozialen Wohnungsbaus in den innerstädtischen
Bezirken von Westberlin wird angesichts der laufenden Entmischungsprozesse
- in Übereinstimmung mit den Vorschlägen des Bausenators - die
Aufhebung von Fehlbelegungsabgabe und Einkommensgrenzen empfohlen, um
den kumulativen Prozeß einer durch hohe Mieten und Zuzugsbeschränkungen
beschleunigten sozialen Segregation zu bremsen - allerdings sollten Bindungen
und Belegungsrechte unternehmensbezogen und räumlich differenziert
umverteilt und nicht einfach ohne Gegenleistung aufgegeben werden. Im
Frühjahr 1998 hat der Senat die im Jahr 1997 eingeführte Aufhebung
der Fehlbelegungsabgabe für einige Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus,
in denen die Entmischungsprozesse auffällig waren, tatsächlich
beschlossen - allerdings ohne eine Gegenleistung zu fordern.
- Die innerstädtischen Altbaugebiete in Ostberlin verdienen besondere
Aufmerksamkeit in der Beobachtung der laufenden Entwicklungen, da die
derzeitigen Tendenzen prinzipiell in eine ähnliche Richtung weisen
wie in den Westberliner Altbaugebieten. Einige Gebiete, in denen die negativen
Trends besonders ausgeprägt sind, werden als Verdachtsgebiete'
eingestuft. Noch kann der Entmischungsprozeß dort aufgehalten werden,
weil er noch nicht so weit fortgeschritten ist. Die bisherige Politik,
die sich allein auf die Vermeidung von Bewohnerverdrängung durch
Gentrification orientiert, muß ergänzt und erweitert werden
um Strategien, die einen sozialen Abstieg von Teilgebieten vermeiden.
- Alarmierend erscheinen die Entwicklungen in einigen Gebieten der westberliner
Innenstadt. Besonders bemerkenswert ist, daß die Wanderungsprozesse,
die zum sozialen Abstieg eines Quartiers beitragen, dort, wo bereits zuvor
die Konzentration von Haushalten mit materiellen und/oder sozialen Problemen
hoch war, besonders stark ausgeprägt sind - dort findet also eine
kumulative Verschärfung sozialräumlicher Marginalisierung statt.
Dadurch bilden sich Gebiete heraus, in denen sich vielfältige Problemlagen
konzentrieren und sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Damit
wird der Ort, an dem man lebt, selbst zu einer Quelle von sozialer Benachteiligung.
Diese Quartiere werden als problembehaftete Gebiete' bezeichnet,
und für sie ist ein akuter Handlungsbedarf gegeben. Sie zeichnen
sich aus durch
¨ hohe Bevölkerungsfluktuation
¨ hohe und zunehmende Ausländeranteile, insbesondere bei Kindern
und Jugendlichen
¨ hohe Arbeitslosigkeit und hohe Sozialhilfedichte
¨ hoher Zuzug von Zuwanderern aus dem Ausland
¨ Überwiegen des Wegzugs von Familien mit Kindern (negativer
Wanderungssaldo)
¨ Überwiegen des Wegzugs von Erwerbstätigen (negativer Wanderungssaldo)
Politischer Handlungsbedarf?
Was bedeutet die These, daß aus benachteiligten Quartieren benachteiligende
werden oder daß 'arme Nachbarschaften ihre Bewohner ärmer machen'.
(vgl. Friedrichs 1998) Die Tatsache, daß man in einer bestimmten
Gegend wohnt, ist selbst ein Faktor der Benachteiligung: soziale Ungleichheit
wird damit nicht nur befestigt, sondern verschärft.
Effekte eines Quartiers kann man sich auf verschiedene Weise vorstellen:
- einerseits so, daß durch die vorherrschenden Überzeugungen
und das dominante Verhalten der Bewohner eine 'abweichende Kultur' entsteht,
die auch diejenigen prägt, die ihr bisher nicht angehörten.
Soziales Lernen führt zu Verhaltens- und Denkweisen, die die Mitglieder
einer solchen Kultur immer weiter von den Normen und Verhaltensweisen
der Mainstream-Gesellschaft entfernen. Dadurch erleiden sie Nachteile,
weil sie z.B. Chancen auf dem Arbeitsmarkt auch dann nicht mehr ergreifen
können, wenn diese objektiv wieder gegeben sind. In der konservativen
amerikanischen Version ist dies die zentrale Bestimmung der 'underclass',
die durch negative Verhaltensweisen und diese rechtfertigende Einstellungen
charakterisiert sei.
- andererseits zeichnen sich benachteiligte Quartiere durch Eigenschaften
aus, die entweder die Lebensführung beschwerlich machen und/oder
die Handlungsmöglichkeiten ihrer Bewohner objektiv einschränken.
Dabei geht es um physisch-materielle Merkmale eines Quartiers (z.B. Qualität
als Wohnort, die Erreichbarkeit von sozialen Einrichtungen) und um seine
institutionelle Ausstattung mit privaten und öffentlichen Dienstleistungen.
- eine dritte Dimension der Wirkungen stellt das negative Image eines
Quartiers dar, das aufgrund eigener Erfahrungen oder aufgrund von Vorurteilen
dem Quartier aufgestempelt wird, und das dann nach innen (gegenüber
seinen Bewohnern) und nach außen (als Stigmatisierung der Bewohner)
Effekte entfaltet, die die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner erheblich
einschränken. Bekannt sind die Beispiele, daß Arbeitssuchende
sofort abgeweisen werden, wenn sie eine bestimmte Adresse als Wohnort
nennen.
Wenn die soziale Segregation durch die Überlagerung von räumlicher
Separierung und sozialer Marginalisierung einen bestimmten Grad erreicht
hat, werden diejenigen, die in den randständigen Qurtieren wohnen,
von den Lebenschancen, die unsere Gesellschaft nach bisherigen Standards
jedem bieten kann, weitgehend ausgeschlossen. Es geht dann also nicht
nur um einen Mangel an Verteilungsgerechtigkeit, sondern um einen Mangel
an Chancengleichheit.
8. Zusammenfassung
Durch selektive Migration und durch die Verarmung der Bewohner können
in einem Quartier Prozesse in Gang kommen, die zu einer kumulativ sich
selbst verstärkenden Spirale der Abwärtsentwicklung führen.
Dadurch entsteht ein soziales Milieu, das eine Umwelt für soziales
Lernen darstellt, in der nur noch eine begrenzte Realitätswahrnehmung
möglich und der Verlust von moralischen Qualifikationen' wahrscheinlich
ist, die Voraussetzung für eine Reintegration in die Erwerbstätigkeit
wären. Durch selektive Migrationsprozesse bildet sich ein Milieu
der Benachteiligung immer stärker heraus, und diejenigen, die keine
Möglichkeit zur Wahl eines anderen Wohnstandorts haben, passen sich
diesem Milieu langsam an. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen werden
kaum noch mit positiven Rollenmodellen konfrontiert und geraten - auch
durch Anpassungsdruck - in einen Sozialisationsprozeß, dessen Ergebnis
Verhaltensweisen sind, die ein Entkommen aus dem Milieu der Benachteiligung
unwahrscheinlicher machen.
Diese 'inneren' Prozesse, die sich in den Subjekten abspielen, werden
bestätigt und verstärkt durch Veränderungen des 'äußeren'
Milieus bzw. des objektiven Raums: die Verwahrlosung von Gebäuden,
Straßen und Plätzen und die Degradierung der Versorgungsinfrastruktur
hat eine weitere Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls zur
Folge und verstärkt die Neigung zu Rückzug und Resignation.
Die Mobilen verlassen solche Quartiere und schwächen damit die sozialen
Kompetenzen und die politische Repräsentation des Quartiers - denn
um eine wirksame Nachbarschaftsinitiative zu gründen, bedarf es einiger
sozialer Kompetenzen.
So entstehen "Ghettos ohne Mauern" (Hess/ Mechler, 1972) Orte
der sozialen Ausgrenzung. Aus dem Strudel multipler und kumulativer Benachteiligung,
der mit dem unfreiwilligen Wohnen in solchen Quartieren verbunden ist,
gibt es nach einer gewissen Zeit kein Entkommen mehr. Die Bewohner sind
mit ihren Quartieren ausgegrenzt, wenn nicht die solidarische Stadtgesellschaft
Prozesse der sozialen Stabilisierung einleitet und die Reintegration der
Quartiere und ihrer Bewohner dauerhaft unterstützt. Die Einschätzung,
sozialräumlich segregierte Quartiere seien Orte einer emanzipatorischen
Kultur, ist heute wohl kaum mehr zu begründen. Denn sowohl die Institutionen
einer gesellschaftskritischen Gegenkultur als auch die utopischen Perspektiven
einer ganz anderen Gesellschaft, die die marxistische Theorie als Orientierung
der Arbeiterbewegung entworfen hatte, sind im gesellschaftlichen Wandel
untergegangen. Die starken nachbarschaftlichen Beziehungen, die in segregierten
Quartieren vorgefunden werden können, sind unter diesen Bedingungen
eher von benachteiligender als von emanzipatorischer Qualität, und
sie bedürfen zur Entwicklung anderer Qualitäten der Unterstützung
von außen.
Die Modernisierungsperspektive erlaubte eine Klassifikation der Wohn-
und Lebensbedingungen in den Sanierungsgebieten als 'rückständig',
weil der Einbezug auch der Armen und Marginalisierten in den sich aufwärts
bewegenden Fahrstuhl ökonomischen Wachstums und kultureller Modernisierung
fraglos möglich erschien. Bei dem Problem, wie mit segregierten Quartieren
umzugehen sei, stellte sich nur die Frage, ob der Integrationsprozeß
durch staatliche Intervention beschleunigt werden solle oder nicht. Anders
ist die Situation heute: die Integrationsprozesse sind prekär geworden,
statt quasi-automatischer Integration ist die Perspektive für die
Marginalisierten heute eher die Ausgrenzung. Der Fahrstuhl ist nicht mehr
groß genug, alle mitzunehmen. Durch die demographische Entwicklung,
d.h. durch die abnehmende Zahl von Einwohner in Deutschland, wird der
Prozeß der Ausgrenzung wahrscheinlich in Zukunft für weniger
Menschen Realität als heute, aber er wird strukturell nicht verschwinden.
Literatur:
Monika Alisch/Jens
Dangschat, Armut und soziale Integration, Opladen 1998, S. 125 - 134.
Peter Bremer/ Norbert Gestring, Urban Underclass - neue Formen der Ausgrenzung
auch in deutschen Städten?, in: PROKLA, Zeitschrift für kritische
Sozialwissenschaft, Heft 106, 27. Jg., 1997
Susan S. Fainstein/Ian Gordon/Michael Harloe (Hrsg.): Divided Cities.
New York & London in Contemporary World. Oxford 1992
Ray Forrest/Alan Murie, Selling the Welfare State. The Privatization of
Publkic Housing, London 1988
Jürgen Friedrichs, Do Poor Neighbourhoods Make Their Residents Poorer?
Context Effects of Poverty Neighbourhoods on Residents, in Hans-Joachim
Andreß (Hrsg.), Empirical Poverty Research in a Comparative Perspective.
Ashgate 1998
Henner Hess/Achim Mechler, Ghetto ohne Mauern, Frankfurt/Main 1972
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Dienstleistungsgesellschaften.
Frankfurt/Main 1995
Hartmut Häußermann/ Andreas Kapphan,: Berlin: Von der geteilten
zur gespaltenen Stadt? Sozialräumlicher Wandel seit 1990. Opladen
2000
Werner Hübinger, Prekärer Wohlstand. Spaltet eine Wohlstandsschwelle
die Gesellschaft?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 18/99 vom 30.
April 1999
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie
Berlin (Hrgs.), Sozialorientierte Stadtentwicklung, 1998
Marginalien:
Gegennüber den traditionellen Formen von Armut, , stellt Ausgrenzung
einen Prozeß dar, in dessen Verlauf Individuen oder Haushalte von
den durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung
entfernt werden
Die kulturelle Heterogenität der Stadtbevölkerung wird zunehmen,
die Anteile von Bewohnern mit einem nicht-deutschen kulturellen Hintergrund
werden in einigen Quartieren in allen Großstädten sehr hoch
sein.
Soziale Ungleichheit setzt sich in sozialräumliche Segregation um;
diese führt sozialer Selektion, an deren Ende Quartiere stehen, die
von einer kumulativen Abwärtsentwicklung betroffen sind.
Es findet gegenwärtig ein sozialer Erosionsprozeß statt, der
sich in einer räumlichen Konzentration von Haushalten bemerkbar macht,
die von staatlichen Transfers abhängig sind.
Trotz der Veränderungen in der Lagegunst hat sich bei keinem Gebiet
das soziale Profil geändert, sondern sich das bereits zuvor angelegte
schärfer herausgebildet.
Die Integrationsprozesse sind prekär geworden, statt quasi-automatischer
Integration ist die Perspektive für die Marginalisierten heute eher
die Ausgrenzung.
|