Arbeitskräfte zu Unternehmern! Neue Masken für ein altes Spiel?


Von G. Günter Voß
G. Günter Voß. Jahrgang 1950, Professor für Industrie- und Techniksoziologie in Chemnitz


"Unternehmer" waren schon immer Träger großer Hoffnungsrollen - nicht nur im 20. Jahrhundert. Für Apologeten des Marktes sind sie heilsbringende Lichtgestalten, die den Weg zu Prosperität und Wohlfahrt in einem heroischen Spiel bereiten. Zwar weiß man, dass auch sie nur der von Adam Smith geweissagten unsichtbaren Hand der Marktgesetze dienen, die (wie ein anderer Klassiker meinte) hinter dem Rücken der beteiligten Charaktermasken ihr unerbittliches historisches Werk verrichten. Seit Joseph Schumpeter glaubt auch das Publikum auf den billigen Plätzen zu verstehen, warum es ohne den Unternehmerhelden im ökonomischem Theater nicht geht - selbst wenn er doch nur einem endlosen Spiel des Absurden seine seelenlosen Zerstörerkräfte leiht. Da darf es nicht wundern, wenn in Zeiten forcierter Liberalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft aufs neue fast alle Stimmen des politischen Chors das heilige Lied des Unternehmerischen anstimmen - frohe Botschaft für alle, die rein ökonomischen Willens sind.

Aber selbst in einem alten Stück, dessen Rollen und Pointen man gut zu kennen meint, gibt es gelegentlich Überraschungen. Galt die Figur des Unternehmers von jeher schon als Vorbild für alle, die sein Los nicht wirklich teilen durften, aber trotzdem wie er möglichst hart arbeiten sollten, so ändern sich doch seit einiger Zeit die Töne. Nicht nur, dass man angesichts knapp gehaltener öffentlicher Kassen wieder einmal jedermann und jedefrau hart auf ihre Selbstverantwortung verweist und dazu die süßen Töne neuer Freiheiten als liebliche Begleitung säuselt - beides immer schon aufs feinste verkörpert in der edelsten aller ökonomischen Figuren. Nicht nur, dass zudem wieder einmal nach aufopferungsvollen Pionieren des Wettbewerbs und Risikos gerufen wird, die (je jünger, desto besser) all das richten sollen, was einer öffentlichen Politik zunehmend abgesprochen wird. Nein, nun heißt es außerdem (nicht immer, aber) immer öfter, dass auch die traditionellen Gegenspieler der unternehmerischen Kapitalisten diesen zu leibhaften Zwillingen werden sollen. Auch diejenigen, die erst einmal nichts anderes im Marktspiel einzusetzen haben, als ihre Fähigkeit zu arbeiten, sollen nun neue Kostüme tragen und die Masken wechseln. Aber ob sich dabei ihr Skript wirklich ändert, ist die große Frage.

Es lebe das "Unternehmerische" - nichts als ein aufgeregtes Palaver im Foyer?

Seit Mitte der neunziger Jahre künden immer häufiger publizistische Stimmen von neuen Spielfiguren: vom "Lebensunternehmer" (Lutz 1995), von "Ich AG" oder "Ich & Co." (Bridges 1995), von den "Selbständigen von morgen" (Fischer 1995) usw. Gemeint sind zwar nach wie vor die altbekannten Arbeitskräfte mit der gleich doppelten Freiheit, die jetzt aber als schumpetersche Scheinwesen in neuer Weise die zunehmend deregulierten Märkte und Betriebe bevölkern sollen. Und vom Katheder einer Managementhochschule aus sieht man Erwerbstätige zukünftig gar in der Rolle von stockholdern mit verschiedensten Optionen im "Arbeits-Portfolio", da sie immer häufiger mehrere Jobs kombinieren müßten (Gross, z.B. 1995). Erstaunlich präzise beschreibt dann ein journalistischer Beobachter in wenigen Spalten solche neuen "Doppelgänger" im alten Stück (Zielcke 1996) - und kann sich kaum der Zuwendung von allen Seiten erwehren, zu genau hat er eine Stimmung im Lande getroffen. Eine offizielle Kommission zur Weissagung der Zukunft (Kommission ... 1996/97) verkündet schließlich nicht nur die wissenschaftlich erwiesene Notwendigkeit von Sozialabbau und steigender sozialer Ungleichheit, sondern fordert außerdem, dass Berufstätige zu "Unternehmern ihre Arbeitskraft" werden müßten, wie überhaupt das "Unternehmerische" in der Gesellschaft zu stärken sei - auch dies eine Bemerkung, die heftigste Reaktionen auslöst.

Ohne Zweifel, solche Kommentare erfüllen fast durchwegs die Funktion einer ideologischen Begleitmusik zur neoliberalen Neuinszenierung von Wirtschaft und Politik - darin ähneln sie dem Palaver anläßlich früherer Schübe der kapitalistischen Ökonomisierungen von Gesellschaft. Aber geht es wirklich nur um einen weiteren aufgeregten Tratsch im Foyer des ökonomischen Theaters? Ist das ganze wirklich nur ein neuer Schub durchsichtiger Mythen, wie sie der ewige Reigen des Kapitals immer wieder als Ideenkrücken braucht (Deutschmann 1999)?

Um solchen Fragen nachzugehen wurde der affirmativen Rede von den zukünftig endlich so unternehmerischen Arbeitskräften eine ganz andere wissenschaftliche und politische Lesart der Entwicklung entgegengestellt (Voß/Pongratz 1998, aktuell z.B. Jurczyk/Voß 2000, Voß 2001). Mit industriesoziologischem Instrumentarium wurde gezeigt, dass - verschleiert von der meist hohlen Unternehmer-Rethorik auf den publizistischen Nebenbühnen - sich im Hauptstück möglicherweise tatsächlich die Dramaturgie von Arbeit und Beschäftigung an einem wichtigen Punkt verändert und damit das alte Spiel von Kapital und Arbeit neu formiert. Die Überlegungen finden seitdem Resonanz auch außerhalb des engeren Fachkontextes, erzeugen aber gelegentlich Irritationen (vgl. etwa Pickshaus u.a. 2000, Schumann 1999, Welti 2000). In aller Kürze soll daher noch einmal erläutert werden, worum es bei den Thesen zum "Arbeitskraftunternehmer" geht und welche Missverständnisse vermieden werden sollten.

Eine neue Charaktermaske? - Vom Arbeitnehmer zum Arbeitskraftunternehmer.

Thesen zum Wandel der gesellschaftlichen Verfassung von Arbeitskraft

Leitende Annahme der Thesen ist, dass sich im Zuge eines allgemeinen Strukturwandels von Wirtschaft und Gesellschaft auch die bei uns typische Art und Weise, wie die menschliche Fähigkeit zu arbeiten gesellschaftlich geformt und genutzt wird, verändert: Nicht nur das Beschäftigungssystem, sondern auch andere wichtige Instanzen (Bildung, Arbeits- und Sozialrecht, soziale Sicherung) orientierten sich bisher an einem Modell von Arbeitskraft, das treffend mit dem arbeitsrechtlichen Begriff "Arbeitnehmer" bezeichnet werden kann. Diese Sicht geht von Erwerbstätigen aus, die sich nur hin und wieder frei auf dem Markt für Arbeitskraft bewegen und ansonsten als abhängig Beschäftigte rechtlich hochregulierte Arbeitsplätze in Betrieben besetzen, auf denen sie strikten Weisungen unterliegen, denen sie eher passiv nachkommen. Arbeitsvertrag und Entlohnung beziehen sich dabei meist nicht auf klar festgelegte Arbeitsleistungen, sondern darauf, dass dem Betrieb das Recht zukommt, während einer bestimmten Zeit über die Arbeitskraft einer Person zu verfügen. Karl Marx hatte dies auf den Punkt gebracht: Das Kapital kauft nicht fertige Arbeit, sondern das Vermögen von Menschen überhaupt arbeiten zu können. Notorisch besteht daher das Problem, mittels organisatorisch-technischer "Kontrolle" die latente Arbeits-Kraft in die erforderliche manifeste Arbeits-Leistung zu "transformieren".

Dieser Mechanismus wird nun im Zuge neuer betrieblicher Strategien zur tendenziellen "Entgrenzung" der Arbeitsorganisation (vgl. Voß 1998, Döhl u.a. 1999) zunehmend durch eine veränderte Logik der Arbeitskraftnutzung ersetzt: Das bisher meist leitende tayloristische Modell einer rigiden Festlegung von Tätigkeiten weicht in vielen Bereichen auftragsförmigen Steuerungen von Arbeit, bei denen nicht mehr wichtig ist, wie im Einzelnen gearbeitet wird, sondern dass möglichst schnell und hochwertig das gewünschte Ergebnis erreicht wird - wie dies geschieht bleibt mehr oder weniger der "Selbstorganisation" der Betroffenen überlassen. Industriesoziologen erkennen darin zwar eine verstärkte "Autonomisierung" von Arbeit, aber kaum neue echte Freiheiten, die Betroffene für eigene Interessen nutzen könnten. Im Gegenteil, es geht um eine erweiterte Nutzung von Arbeitskraft für betriebliche Ziele bei erheblich steigenden Leistungsanforderungen.

Betriebliches Ziel ist neben der Reduktion von Kosten der verstärkte Zugriff auf bisher nur unzureichend verwertete menschliche Fähigkeiten: Flexibilität und Innovativität, Verantwortlichkeit und Loyalität, Selbstmotivation und individuelle Leistungsmaximierung, Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, selbständige Koordination und Kommunikation u.v.a.m. - alles bisher nur teilweise genutzte Schätze, um derentwillen nun mit einer neuen Form der Steuerung von Arbeitskraft experimentiert wird.

Zur Recht wird hier von einem verstärkten Einsatz marktförmiger Mechanismen gesprochen: nicht mehr latentes Arbeitsvermögen mit kostenträchtigem Kontrollaufwand und unsicherem Erfolg zur Arbeit nötigen, sondern möglichst direkt maximale Leistung einkaufen. Die Formen, in denen dies versucht wird, sind vielfältig, von gruppen- und projektbezogenen Mechanismen, über offene Arbeitszeiten, ausgedünnte Hierarchien, Intrapraneurmodelle, Führung durch Zielvereinbarung u.a.m. bis zur Nutzung wirklich freier Arbeitskraft (Scheinselbständige, Freiberufler, Subunternehmer, Franchising usw.).

Sollte sich diese Entwicklung strukturell verfestigen, dürfte das nicht ohne Folgen für die bisher vorherrschende Qualität von Arbeitskraft bleiben. Es könnte langfristig zu einem Formwandel der gesellschaftlichen Verfassung von Arbeitskraft kommen, mit dem der bisher bei uns typische Arbeitnehmer durch einen verstärkt auf marktförmige Nutzung ausgerichteten Leittypus ersetzt würde, der in erstaunlicher Weise an die zentrale Figur des Marktmechanismus, den "Unternehmer", erinnert. Arbeitskräfte werden dabei nicht zu Kapitalisten (die Geldkapital in Produktionsmittel investieren, um durch Ausbeutung fremder Arbeitskraft im Rahmen herrschaftlicher Sozialgebilde an beliebige Produkte gebundenen, überschießenden Wert zu erzeugen, den sie auf Märkten zu realisieren trachten) - aber sie müßten der Logik einer neuen Charaktermaske folgen, die tatsächlich in zentralen Aspekten dem Edeltypen des alten Traditionsstücksstücks entspricht und dem ganzen dadurch vielleicht eine neue Dynamik auf der sich erweiternden Weltbühne verschafft.

Selbst ist die Arbeitskraft - Merkmale des Arbeitskraftunternehmers

Mit drei Merkmalen läßt sich dieser neue Typus von Arbeitskraft näher bestimmen:

1. Erweiterte Autonomien für abhängige Arbeitskräfte bedeuten eine folgenreiche Veränderung des beschriebenen Transformationsmechanismus: das komplizierte Geschäft der Kontrolle wird dabei in ganz neuer Qualität auf die Betroffenen verlagert. Arbeit ist dann nicht mehr passive Erfüllung durchstrukturierter fremder Anforderungen, sondern im Gegenteil aktive Selbststeuerung bei nur noch rudimentären Handlungsvorgaben im Sinne allgemeiner Unternehmenserfordernisse. Die bisher vorherrschende Fremd-Kontrolle wird immer mehr zur expliziten Selbst-Kontrolle der Arbeitenden. Betriebe verzichten natürlich dabei keineswegs auf Steuerung, denn die Rücknahme direkter Arbeitskontrolle ist meist von einer Ausweitung indirekter Steuerungen (kulturelle und psychosoziale Mechanismen, Kontrolle strategischer Funktionsparameter wie Kosten, Umsatz, Qualität usw.) begleitet. Trotzdem ist entscheidend, dass die bisher typische Durchsteuerung von Arbeit tendenziell zurückgenommen wird.

2. Wichtige Konsequenz für Betroffene ist langfristig, dass sie sich im Verhältnis zu ihrer Arbeitskraft als Ware anders verhalten müssen als bisher. Aus der oft nur reaktiv und punktuell ihre Fähigkeiten ökonomisch handhabenden Arbeitsperson muss nun ein kontinuierlich strategisch handelnder Akteur werden, der seine Fähigkeiten gezielt auf eine wirtschaftliche Nutzung hin ausbauen und aktiv verwerten muss. Diese bedeutet in zweifacher Hinsicht eine neue Stufe der Selbst-Ökonomisierung von Arbeitskraft: Zum einen muss Arbeitskraft und deren Verausgabung zunehmend effizienzorientiert entwickelt und zum anderen immer mehr kontinuierlich mit aufwendigem Selbstmarketing auf dem Arbeitsmarkt wie auch innerhalb von Beschäftigungsverhältnissen aktiv angeboten und verkauft werden. Es entsteht also eine erweiterte individuelle "Produktions-" und "Marktökonomie" von Arbeitskraft.

3. Folge wird schließlich sein, dass sich auch die Logik des Lebens von Arbeitskräften verändert. Aus einer eher naturwüchsigen Lebensweise muss eine streng zweckgerichtete Organisationdes gesamten alltäglichen und biographischen Zusammenhangs werden. Mit einer derartigen Selbst-Rationalisierung tun Arbeitskräfte jedoch zunehmend dasselbe wie die Anbieter von anderen Waren, wenn diese die Herstellung und Vermarktung ihrer Produkte in eine gezielte Koordination aller Prozesse überführen: sie bilden eine Art "Betrieb". Der Betrieb des Arbeitskraftunternehmers ist natürlich kein üblicher Wirtschaftsbetrieb, sondern hier geht es um die Herstellung und Vermarktung eines besonderen Produkts unter besonderen Bedingungen. Die Mechanismen sind aber dieselben: eine gezielte Organisierung und in wachsendem Maße auch eine hoch entwickelte Technisierung.

Arbeitskraftunternehmer - der langsame Wandel eines Leitbildes. Einige Klärungen

Die Thesen zum Arbeitskraftunternehmer sind auf langfristige Entwicklungen bezogen. Sie enthalten keine Analyse einer konkreten Aufführung, sondern verstehen sich als Überlegungen zu einer möglichen neuen Gesamtdramaturgie. Da sie trotzdem gelegentlich als empirische Diagnose missverstanden werden, sollen vier Punkte noch einmal geklärt werden:

1. Der postulierte neue Typus von Arbeitskraft ist idealtypisch zu verstehen. In reiner Form findet man ihn bisher nur bei bestimmten Gruppen finden (etwa bei qualifizierten Arbeitskräften mit ausgeprägt kreativen Funktionen in dynamischen Branchen). Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass in vielen Bereichen Merkmale des Idealtypus schon jetzt Arbeitskräfte prägen und dies in expansiven Wirtschaftsfeldern erheblich zunehmen wird. Der Übergang wird zudem keineswegs friktionslos erfolgen, ist in Verlauf und Ergebnis nicht kalkulierbar und kann zeitlich nicht präzise abgeschätzt werden. Grund dafür ist nicht zuletzt, dass derartige Voraussagen zu politischen Interventionen führen können, die dann den Gang der Dinge ändern.

2. Die Thesen zielen zudem nicht primär auf eine zunehmende empirische Verbreitung des Typus (bzw. seiner Merkmale), sondern insbesondere auf einen neuen gesellschaftlichen Leittypus von Arbeitskraft. Die Vermutung ist, dass sich aktuell ein Kulturwandel im gesellschaftlichen Verständnis dessen vollzieht, was menschliches Arbeitsvermögen überhaupt ist, wie es ausgebildet und betrieblich genutzt werden kann, wie eine gesellschaftliche Einbindung (z.B. ein rechtlicher Schutz) aussehen muss usw. Die neue Form von Arbeitskraft hat schließlich historische Vorläufer (bestimmte Führungs-, Angestellten- und Expertengruppen, Freiberufler und Selbständige, aber auch Tagelöhner und Saisonarbeitskräfte, Heim- und Wanderarbeiter usw.), ist also nicht völlig "neu". Aber jetzt könnte ein solcher Typus zum neuen gesellschaftlichen Leitbild für Arbeitskraft und damit zum normativen Bezugspunkt in vielen praktischen Bereichen werden.

3. Die Kategorie "Unternehmer" suggeriert gelegentlich, die postulierte Entwicklung sei gesellschaftlich positiv zu sehen und politisch zu begrüßen. Die Thesen wollen dagegen in mehrfacher Hinsicht auf die vermutlich ausgeprägte Ambivalenz der gesellschaftlichen Folgen eines neuen Typus von Arbeitskraft hinweisen: Wie bei vielen sozialen Entwicklungen ist etwa auch beim Übergang zum Arbeitskraftunternehmer damit zu rechnen, dass es strukturelle Gewinner und Verlierer geben wird. Der Übergang wird für manche attraktive neue Möglichkeiten bieten, für andere aber eine notorische Überforderung und Gefährdung mit sich bringen. Wie die Rollen verteilt sein werden, wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, den Wandel gesellschaftspolitisch zu bändigen.

4. Die Thesen zum Arbeitskraftunternehmer beruhen zwar im Kern auf einer wirtschaftlichen Erklärung (die notwendige Überwindung der sich als Grenzen einer weiteren Kapitalverwertung erweisenden Strukturen der bisherigen gesellschaftlichen Formung und Nutzung von Arbeitskraft), aber sie behaupten keinen ökonomischen Automatismus. Der neue Typus soll zwar Defizite der bisherigen Arbeitssteuerung überwinden helfen, d.h. Kosten sparen und neue Leistungspotentiale erschließen. Wie die Entwicklung jedoch konkret verlaufen wird, ist ein offener und mit vielen Widersprüchen behafteter Prozess, der davon abhängt, wie er politisch und betrieblich gestaltet wird. Die wirtschaftliche Argumentation bedeutet zum anderen nicht, dass der neue Arbeitskrafttypus allein ökonomische Voraussetzungen hat. Vielmehr ist ganz offensichtlich, dass die Herausbildung eines neuen Leitbildes von Arbeitskraft in eine homologe gesamtgesellschaftliche Entwicklung eingebunden ist. Die populären Thesen zur Individualisierung und zum Wertewandel in der Gesellschaft verweisen z.B. auf erstaunliche Parallelentwicklungen von soziokulturellen Erscheinungen und einem möglichen Wandel von Arbeitskraft. Wie bei Max Webers "Wahlverwandtschaft" von früher kapitalistischer Entwicklung und protestantischer Ethik kann auch hier von einer erneuten funktionalen Verknüpfung von Kulturwandel und den ökonomischen Erfordernissen einer neuen Stufe kapitalistischer Ökonomie gesprochen werden (Voß 1990).

Eine neue Dramatik - zum Wandel des alten Spiels von "Kapital" und "Arbeit"

Die Thesen zu einer neuen Grundform von Arbeitskraft implizieren, dass zur Zeit keineswegs der letzter Akt des vertrauten Stücks von der (Erwerbs-) Arbeitsgesellschaft gegeben wird, wie manche immer noch vermuten. Eher deutet der Wandel von Arbeitskraft darauf hin, dass wir bisher möglicherweise nur ein romantisches Vorspiel erlebt haben. Das eigentliche Drama von einer Gesellschaft, die bis in die letzten Poren von den Bedingungen und Folgen kapitalistischer Arbeit geprägt wird, hat vielleicht gerade erst begonnen und es könnte spannend werden. Seine Schlüsselfigur könnte dabei eine in neuer historischer Qualität freigesetzte Arbeitskraft sein, die mehr als bisher vorstellbar wirklich zur Ware auf Märkten für Arbeitskraft wird. Die sich ändernde Rolle könnte immer seltener vorsehen, dass sich die Träger der berühmten Ware an quasifeudalistische Organisationsgebilde verdingen, um sich dort zu vordefinierten Tätigkeiten zwingen zu lassen. Die typische Rolle für den Besitzer von Arbeitskraft wird zukünftig möglicherweise vielmehr darin bestehen, in eigener Regie erstellte konkrete Arbeitsleistung zu verkaufen (und nicht mehr primär Arbeitsvermögen). Die Figur des Arbeitskraftunternehmers wäre damit genau genommen sogar noch einmal etwas ganz anderes, als der Begriff suggeriert, nämlich Arbeits-Unternehmer.

Wird es damit also im weiteren Verlauf des ökonomischen Mysterienspiels wirklich nur noch die Einheitsgestalt des "Unternehmers" geben? Es wird, wie gesagt, spannend: Die Charaktermaske des traditionellen kapitalistischen Unternehmers verschwindet auf der einen Seite natürlich nicht einfach im Fundus, sondern feiert sogar neue Triumphe, da sie mehr denn je von allen Seiten umworben wird. Trotzdem ist der Glanz der Rolle irgendwie dahin, denn die neue Dynamik des Spiels macht die ehemalige Edelrolle ziemlich anstrengend und im Erfolg ungewiss. Zudem werden immer mehr undurchsichtige Nebenrollen, billige Komparsen und parvenuehafte Randfiguren mit schnellen Auf- und Abtritten als flotte "Neue Selbständige" und juvenile "start-ups" zu lästigen Konkurrenten um die Gunst des Publikums. Auf der anderen Seite muss sich aber auch der frühere Gegenheld in der Rolle der ausgebeuteten Arbeitskraft auf unerwartete Turbulenzen einstellen. Denn auch als neu in Szene gesetzter "Unternehmer" darf er meist doch nicht viel mehr tun als ehedem. D.h. er muss ein ziemlich zähes und nur selten profitables Produkt zu Markte tragen: seine Arbeitskraft und immer mehr die noch ungewohnte Ware Arbeit. Als abstrakte sozioökonomische Figur hat er nun zwar tatsächlich große Ähnlichkeiten mit der Rolle des ehemaligen Kontrahenten (so dass er Mühe hat, nicht mit ihm verwechselt zu werden), aber konkret darf er nur selten dessen klassische Privilegien (Status, Reichtum, Macht usw.) genießen, die zu den Zeiten der festen Charaktere exklusiv dem echten Entrepreneur zustanden. Schlimmer noch, er verliert den zwar beengenden, aber doch ganz bequemen Schutz einer Traditionsrolle, die es erlaubte, nach striktem Skript mit klaren Prinzipien mehr oder weniger behäbig vor sich hin zu agieren. Jetzt soll er auf einmal nicht nur den mit allen Wasser gewaschenen homo oeconomicus zum besten geben, sondern auch noch kreativ und kommunikativ sein, ständig mit Glanz und Gloria improvisieren und vor allem immer wieder neue, unkalkulierbare Auftritte in sich ständig verändernden Gewändern wahrnehmen. Da mag sich mancher nach den guten alten Zeiten mit den eindeutigen Rollen zurücksehnen - aber dieser Akt ist wohl vorbei.

Überhaupt bekommt das ganze Spiel jetzt eine unerwartet neue Qualität und rückblickend wird dadurch manches Geschehen der ersten Akte in neuer Weise verständlich. Auf einmal wird etwa deutlich, dass das berühmte dramatische Grundmuster namens "Lohnarbeit" nicht (wie man hatte meinen können) ein unverzichtbares Moment des kapitalistischen Mysteriums ist, sondern eben nur eine dramatische Form - ein strukturelles Hilfsmittel von dann doch begrenztem Wert, das sich im weiteren Fortgang der Handlung wandeln und sogar verschwinden kann. Jetzt deutet sich für den weiteren Verlauf des immer groteskeren Dramas an, dass die hehre Idee der Lohnarbeit zur dramaturgischen "Fessel" (wie der schon erwähnte Klassiker sagen würde) des weiteren Stücks werden könnte und daher jetzt "gesprengt" wird, damit sich neue Spielkräfte entfalten können. Zumindest stellen sich beim Beobachter solche Ideen ein, wenn er versucht, das mögliche Ende des ganzen zu imaginieren. Es entsteht die Phantasie einer sich jetzt völlig entgrenzenden Tragödie namens Hyperkapitalismus, die der bisher dominierenden Form patriarchal eingebundener Arbeit mit der beliebten Rolle von "Arbeitnehmern" auf "Arbeitsplätzen" nicht mehr bedarf.

Eine verrückte Vision des verwirrten Publikums? Oder doch eine ganz neue strukturelle Regie? Man wird sehen. Auch Goethe gab dem Faust einen zweiten Teil, von dem aus gesehen das erste Stück wie ein Krippenspiel erscheint. Die Inszenierung einer durch und durch privatökonomisch ausgerichteten Gesellschaft ist jedenfalls nicht am Ende - und vielleicht kommt er ja erst jetzt wirklich, der Kapitalismus.

Literatur:
Bridges, W. (1995). Ich & Co. Wie man sich auf dem neuen Arbeitsmarkt behauptet. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Deutschmann, Ch. (1999). Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus. Frankfurt a.M., New York: Campus.

Döhl, V./ Kratzer, N./ Moldaschl, M./ Sauer, D. (1999). Entgrenzung von Arbeit. In U. Beck (Hrsg.), Reflexive Modernisierung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Fischer, P. (1995). Die Selbständigen von morgen - Unternehmer oder Tagelöhner?. Frankfurt, New York: Campus.

Gross, P. (1995). Abschied von der monogamen Arbeit. gdi impuls, 13 (3), 21-39.

Jurczyk, K./ Voß, G. G. (2000). Flexible Arbeitszeit - Entgrenzte Lebenszeit. Die Zeiten des Arbeitskraftunternehmers. In E.
Hildebrandt (Hrsg.), Reflexive Lebensführung. Zu den sozialökologischen Folgen flexibler Arbeit (S. 151-205). Berlin: edition sigma.

Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. (1996/1997). Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland (3 Bde.). Bonn: Kommission für Zukunftsfragen.

Lutz, Ch. (1995). Leben und Arbeiten in der Zukunft. München: Wirtschaftsverlag Langen Müller Herbig.
Pickshaus, K./ Peters, K./ Glißmann, W. (2000). "Der Arbeit wieder ein Maß geben". Neue Managementstrategien und Anforderungen an eine gewerkschaftliche Arbeitspolitik. Sozialismus - Supplement 2/2000.

Schumann, M. (1999). Das Lohnarbeiterbewußtsein des "Arbeitskraftunternehmers". SOFI-Mitteilungen, 27, 59-63.

Voß, G. G. (1990). Wertewandel: Eine Modernisierung der protestantischen Ethik? Zeitschrift für Personalforschung, 4 (3), 263-275.

Voß, G. G. (1998). Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. Eine subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 31 (3), 473-487.

Voß, G. Günter. (2001). Auf dem Wege zum Individualberuf? Zur Beruflichkeit des Arbeitskraftunternehmers. In Th. Kurz (Hrsg.), Aspekte des Berufs in der Moderne. Opladen: Leske+Budrich (i.E.).

Voß, G. G./ Pongratz, H., J. 1998: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der "Ware Arbeitskraft"? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (1), 131-158.

Welti, F. (2000). Formwandel der Arbeitskraft im flexibilisierten Kapitalismus. Herausforderung für politische Theorie und Praxis. spw - Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, 2/00 - Heft 112, 33-37.

Zielcke, A. (1996). Der neue Doppelgänger. Die Wandlung des Arbeitnehmers zum Unternehmer - Eine zeitgemäße Physiognomie. Frankfurter Allgemeine, 20.7.96/Nr. 167.


Marginalien:
Ist das ganze wirklich nur ein neuer Schub durchsichtiger Mythen, wie sie der ewige Reigen des Kapitals immer wieder als Ideenkrücken braucht
Betriebliches Ziel ist neben der Reduktion von Kosten der verstärkte Zugriff auf bisher nur unzureichend verwertete menschliche Fähigkeiten.
Die Thesen zu einer neuen Grundform von Arbeitskraft implizieren, dass zur Zeit keineswegs der letzter Akt des vertrauten Stücks von der (Erwerbs-) Arbeitsgesellschaft gegeben wird
Die Inszenierung einer durch und durch privatökonomisch ausgerichteten Gesellschaft ist jedenfalls nicht am Ende - und vielleicht kommt er ja erst jetzt wirklich, der Kapitalismus.


e-Mail  | Inhaltsverzeichnis aktuelles Heft | SPW