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Kurzum
Zu den Spontizeiten von Joschka Fischer ist alles und von allen gesagt.
Eine ernste Debatte über die gesellschaftliche Funktion der 68er
Revolte und über die Entwicklung des terroristischen Flügels
war ja ohnehin nicht zu erwarten. Statt dessen der krampfhafte Versuch,
etwa von Michael Wolfssohn den Historikerstreit in Miniatur wieder zu
beleben. Ebenso krampfhaft aber auch der Versuch von Antje Vollmer, die
Zeiten, in denen der heutige Bundesaußenminister sich noch Joseph
Martin Fischer nannte, zum Mythos der Geschichte der Bundesrepublik zu
erheben.
Einen unbeabsichtigten aber treffenden Beitrag zu der ganzen Aufführung
steuerte im übrigen der Altkanzler Helmut Schmidt bei. Man müsse
schon ein Idealist vom Schlage Fischers sein, um den Kosovo-Feldzug rechtfertigen
zu können und eine europäische Einheitspolitik gegen alle ökonomischen
Daten zu betreiben, ließ er in der "Zeit" weit vor der
Vergangenheitsdebatte vernehmen. In der Tat, bei allen biographischen
Brüchen und Wandlungen im Leben von Fischer, scheint eine Konstante
dennoch zu existieren: Der politische Idealismus!
Kurzum: Ich brauche keine Entschuldigungen des Bundesaußenministers,
ich benötige keine Beweise dafür, ob er Steine nur in die Luft
oder doch Molotow-Cocktails auf Polizeibeamte geworfen hat, mich interessiert
nicht, wer sich aus der Sympathisantenszene vor 25 Jahren in Fischers
Wohnung aufgehalten hat. Mir würde es reichen, wenn Fischer erkennen
würde, dass die Lehre des politischen Idealismus auch im Gewande
des Staatsmannes kein guter Ratgeber für verantwortliche Politik
ist.
Aufschlussreich an der Fischer-Debatte sind aber die lebenskulturellen
Seitenarme und Ausläufer der Diskussion in den Tageszeitungen und
Magazinen. Die Süddeutsche Zeitung organisierte z. B. einen Schlagabtausch
auf ihre Feuilletonseiten zu der Frage ob Fischer ein typisch deutscher
Opportunist sei oder ein Mann der eine aufregende Vita vorweisen kann,
anders etwa als der langweilige Spießer Friedrich März, der
seine Jugend mit ausgedachten Geschichten künstlich befruchten musste.
Nicht die Antworten auf diese Fragen sind aufschlussreich, sondern die
Tatsache, dass der historische Sachverhalt der Mitgliedschaft von Fischer
in der Frankfurter Putzgruppe, politisch entkernt und nach heutigen kulturellen
Maßstäben beurteilt wird. Es geht um die allgemeine Bewertung
von biographischen Brüchen, die persönliche Bewusstseinslage
eines Menschen mit solch einer Vita.
Kurzum: Zur Debatte steht die allgemeine Beurteilung von Charakter und
Persönlichkeit solcher Menschen die sich veränderten Lebensbedingungen
anpassen. Darin liegt wohl auch die eigentliche Faszination des Vorgangs.
Es kann keinen Zweifel geben: Fischer war für viele, unabhängig
von der eigenen Zugehörigkeit zum politisch-gesellschaftlichen Lager,
schon immer ein Opportunist und politischer Schauspieler. Interessant
an der nun wieder entflammten Debatte ist die Umkehrung der Werte. Wiederum
unabhängig von der eigenen politischen Orientierung, bewerten immer
mehr Menschen die Wandlungsfähigkeit von Fischer und seine theatralische
Begabung als äußerst positiv. Politiker mit solchen Attributen
werden als kreativ, faszinierend, magnetisch, kurz als menschlich beurteilt.
Sie sind die Lieblinge der Medien und ihnen fliegen die Sympathiewerte
zu.
Dieser Sachverhalt, der am Rande der Fischer-Debatte für kurze Momente
zum Vorschein kam, verweist auf einen grundlegenderen Wertewandel in unserer
Gesellschaft: Auf den Einzug einer neuen flexiblen Bewusstseinsform von
Selbstwert und menschlichem Miteinander. Amerikanische Soziologen verfolgen
seit längerem einen gesellschaftlichen Trend zur Veränderung
des Selbstbildes der Individuen. Das Selbstbild des Industriezeitalters
war geprägt vom protestantischen Arbeitsethos und dem kleinbürgerlichem
Ideal etwas aus sich zu machen, eine fleißige, integre, hart arbeitende
und selbstständige Persönlichkeit zu werden. Heute sind die
Menschen an viel mehr Beziehungen in viel größerer Vielfalt
und mit größerer Intensität beteiligt als jemals zuvor.
Dies scheint sich auf das Selbstbild und dem Entwicklungsideal von Persönlichkeiten
drastisch auszuwirken. Jeremy Rifkin schreibt: "Die (...) Explosion
sozialer Interaktionen zieht und zerrt an jedem individuellen Bewusstsein
und zwingt, das zentrierte Selbst aufzugeben. In den Wellen miteinander
konkurrierender und oft widersprüchlicher Diskurse, verteilen wir
verzweifelt unsere begrenzte Aufmerksamkeit, indem wir Bereiche unseres
Bewusstseins allem widmen, das uns begegnet und Anspruch auf unsere Zeit
erhebt. Wir riskieren uns im Netz kurzlebiger (...) Verbindungen zu verlieren."
Kenneth Gergen, Psychologe in Swarthmore beschreibt die Tendenz, dass
die Vielzahl inkohärenter und gegenseitig isolierter Beziehungen
uns einladen, viele verschiedene Rollen zu spielen, dass das eigentliche
authentische Selbst mit erkennbarem Charakter dabei in Zukunft immer weiter
aus dem Blick gerät. Die selbständige Persönlichkeit mit
einem erarbeitetem Ich aus dem Industriezeitalter, wird abgelöst
durch die vermittelte, relative Persönlichkeit, die wiederholte Gestaltveränderung
als Ideal anstrebt.
Kurzum: Wenn Wandelbarkeit zum übergreifenden Konsens der modernen
Gesellschaft im menschlichen Miteinander wird, dann hat Joschka Fischer
noch Chancen mehr zu werden als "nur" Bundesaußenminister.
Wie ging noch das Lied des alten Sponti-Kumpanen Rio Reiser: "Wenn
ich König von Deutschland wär!"
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