Adresse und Strategie - Zwischenbilanz eines unvollständigen Jahres

Von Andrea Nahles*

* Andrea Nahles, MdB, ist Vorsitzende des Forum Demokratische Linke 21


Die Ziele und Erwartungen an das neu gegründete Forum Demokratische Linke 21 sind in 2000 klar bestimmt worden. Gestärkt werden soll das organisatorische Rückgrat der Linken in der SPD, die Kräfte der kommunalen und überregionalen Ebenen sollen gebündelt und neue Positionsfindungen eingeleitet werden. Notwendig erscheint eine grundlegende strategische und inhaltliche Neuausrichtung unserer Arbeit. Die Durchsetzbarkeit linker Politik zu erhöhen, ist das zentrale Vorhaben des Übergangs vom Frankfurter Kreis hin zu einer neuen Formation im Forum DL21.

Bestandsaufnahme

Für Bilanzen - auch vorläufiger Art - ist es zu früh. Dennoch ist eine kurze Bestandsaufnahme sinnvoll. Nachdem wir unliebsame Bekanntschaft mit dem deutschen Notarwesen und Vereinsrecht gemacht haben, stehen wir nunmehr als eingetragener Verein unmittelbar vor der Einlösung einiger der zentralen organisatorischen Verbesserungen, die wir uns vorgenommen hatten. Es wird mit dieser Ausgabe der spw ein regelmäßig erscheinenden "Newsletter" von DL 21 geben. Mit Hilfe einer Agentur richten wir ab Februar ein professionelles Internet-Forum ein und werden voraussichtlich (bei weiter steigenden Mitgliederzahlen sogar gewiss!) schon ab März/April eine hauptamtliche Betreuung unserer Arbeit ermöglichen können. Die Kontaktaufnahme zu regionalen Linken Zusammenhängen hat besonders im Osten bereits erfreulich konkrete Formen angenommen und wird in den nächsten Monaten auf Schleswig-Holstein, Bayern und Rheinland-Pfalz ausgedehnt. Denen, die uns bisher einen Vertrauensvorschuss gewährt haben, Mitglied geworden sind und Kontakte geknüpft haben, möchte ich danken. Denen, die sich bisher noch abwartend zurückgehalten haben, möchten wir weitere Angebote in den nächsten Monaten machen. Stark werden wir nur, wenn es Aktivitäten gibt, die den bisherigen Aktionsradius unserer Arbeit überschreiten. Jeder und Jede darf sich da angesprochen und aufgefordert fühlen.

Erwartungen noch nicht befriedigend erfüllt

Nicht zu leugnen ist allerdings auch, dass die Erwartungen im Hinblick auf eine orientierende inhaltlich-programmatische und strategische Neuausrichtung der Parteilinken noch nicht befriedigend erfüllt sind. Die Arbeit an einer inhaltlichen Plattform ist im Vorstand von DL 21 weit fortgeschritten, aber noch nicht beendet. Die Gründe möchte ich in aller Offenheit thematisieren.

An Aufgaben und Herausforderungen mangelt es nicht. Sie liegen uns zu Füßen. Politisch strittige Themen und Grundsatzfragen bieten viel Platz zur Diskussion. Was wird aus Europa nach dem schwachen Auftritt in Nizza? Welche Schlussfolgerungen ziehen wir, wenn eine Weltmacht wie die USA in Den Haag schlicht aus der Klimapolitik aussteigt? Was überlassen wir den Märkten und was bleibt im Hinblick auf die Herstellung von Gerechtigkeit Sache der Politik? Was kann die Linke tun, um eine wissensbestimmte Arbeitswelt mit den bildungspolitischen und sozialen Bedürfnissen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Einklang zu bringen, und gibt es überhaupt praktikable politische Gestaltungsmöglichkeit der biotechnologischen Revolution - irgendwo zwischen Heilsversprechungen und apokalyptischen Untergangsszenarien?
Spannend und von zentraler Bedeutung ist jede einzelne dieser Fragen. Spannende öffentliche oder auch parteiinterne Debatten entwickeln sich daraus aber noch lange nicht. Unser Anliegen als Linke ist es, auf die oben angesprochen grundlegenden Fragen eine nachhaltige progressiv ausgerichtete Politik zu entwerfen, Handlungsoptionen aufzuzeigen und umzusetzen. Das verlangt einen kontinuierlichen Diskurs, eine sich selbst reflektierende Auseinandersetzungskultur. Und genau daran bricht sich immer wieder unsere konkrete Arbeit. Die Linke leidet nicht nur an der Regierungsdominanz des politischen Alltags, dem Mangel an populären und konfliktfähigen Positionen oder schwachen Bündnispartnern. Sie leidet ganz fundamental an der Art des ‚Politikmachens' - so wie es sich in den letzten 10 Jahren herauskristallisiert hat. Feilgeboten in Live-Time-Arrangements, sind die ‚Politik-Events' schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, wenn Foren und Kommission der Partei sich ihrer annehmen. Sind erst einmal entscheidenden Schlagwörter von den gerade angesagten Wortführern präsentiert und durchgekaut worden, erlahmt das Interesse - und das gilt für Parteimitglieder wie ‚normale' BürgerInnen gleichermaßen. Nicht selten steht die ganze Partei und mit ihr auch die Linke gleichzeitig vor mehreren schwergewichtigen Grundsatzfragen, die hektisch medial verwurstet und bald ersetzt werden. Ein neuer Strauß von Themen. Der Frühling ist vorbei. Wir machen jetzt in sommergelb. Selbst einschneidende Ereignisse wie der Kosovo-Krieg reihen sich in diese Mechanik ein. Diskussionen - in und außerhalb der Partei - folgen einer Wellenlogik. Oben schwimmt ein Thema, wenn es tatsächliche Krisen ( z.B. BSE) gibt oder bei bewusst angelegte Kampagnen ( nicht selten gegen Regierungsvorhaben z.B. Staatsangehörigkeit oder einzelne Personen). Länger als ein paar Wochen hält sich nichts.

Schlussfolgerungen

Was hat das nun mit dem Forum Demokratische Linke 21 im Jahre 2001 zu tun? Nun, leider sehr viel. Selbst gut vorbereitete Diskussionsangebote der Linken drohen an den Rand der >live< geschalteten Dauernachrichten zu geraten. Appellativ vorgetragene Politik wird leicht im großen Gesumme überhört - es sei denn, es kommt gerade eine Welle.... Ich behaupte, dass diese knapp gefasste Beschreibung eines dicht gewebten politisch-medialen Komplexes zwar keine unbekannte Größe im politischen Geschäft ist. Aber ich fürchte, dass die Kurzlebigkeit, das ständig auf allen "Kanälen" präsent sein müssen uns mit unseren eigenen Ansprüchen, eben keine Phrasendrescher zu sein, eben Kritikfähigkeit und Perspektive miteinander zu verbinden, in Konflikt bringt. Schlussfolgerungen daraus sind bisher nicht offen genug angesprochen worden. In einer Mischung aus Selbstbestätigungsbedürfnis auf der einen Seite und Selbstüberschätzung der eigenen Möglichkeiten auf der anderen Seite wird kaum registriert, dass der Aufwand politisch auch nach Außen wirken zu können und durchsetzungsfähig zu sein, sich dramatisch erhöht hat. Das gilt es zu verstehen und in die eigenen strategischen und politischen Planungen mit einzubeziehen.

Einige persönliche Schlussfolgerungen möchte ich anfügen:

Adressenfragen sind Strategiefragen. Wir müssen unsere Kommunikationsabsichten klären. An wen richtet sich unser Politikangebot jeweils. Masse der Bevölkerung, Parteitag, Kleine Gemeinde DL 21?! Das ist nicht nur eine Frage, die den Vorstand angeht.

Wir bieten Demokratie, Diskussion und Position. Wir reiten nicht jede ‚Welle'. Wir verknüpfen politische Kommunikation im Internet, im Verbund mit politischen Partnern und mit allen Parteigliedern. Wir kommunizieren gezielt und sind dabei gleichzeitig offen.

Der dominierende politisch-mediale Komplex verlangt professionelles Auftreten und geschicktes Ausnutzen der Chancen. Bescheiden formuliert geht es zunächst darum, für linke Politikansätze das Bewusstsein zu schaffen und zu schärfen. Gegebenenfalls (s. Rente) können einzelne Streitfragen in unserem Sinne durchgesetzt werden. Medien und Politik stehen sich immer weniger >gegenüber<. Wie Zwillinge geben sie wechselseitig Takt , Methode und Inhalt von Politik vor.

Wir setzen Schwerpunkte unsere Arbeit für die nächsten 2-4 Jahre fest. Nur so lassen sich nachhaltige Diskurse und öffentliche Aufmerksamkeit miteinander vereinbaren. Wir lassen uns Zeit für die eigene Positionsfindung, aber wir schließen uns auf - sind Forum, geben Impulse und nehmen Debatten Dritter auf. In diesem Sinne stellen wir eine inhaltliche Plattform des Vorstandes der DL 21 ab Februar im Internet zur Diskussion, werden wir 2-3 mal im Jahr als reales >Forum< in Berlin präsent sein.
Wir fangen mit der Diskussion dieser Schlussfolgerungen genau jetzt an.


e-Mail  | Inhaltsverzeichnis aktuelles Heft | SPW